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Soziologie und Gehirnforschung
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Autopoiet
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Soziologie und Gehirnforschung
Ich frage mich seit geraumer Zeit, ob und vor allem wie weit sich die Soziologie den Ergebnissen der Gehirnforschung öffnen muss, wo man Verbindungen zwischen den beiden Wissenschaften im interdisziplinaren Bereich ansiedeln muss oder wo sogar Bereiche zu finden sind, die Beide in gleichem Maße interessieren müssen.
Mir scheint, als habe die Soziologie Berührungsängste mit solchen Disziplinen, als meinten einige Soziologen, nur soziale Systeme seien interessant - das psychische interessiert andere. Dabei hat gerade die Soziologie das Potential eben beides unter einen Hut zu bringen...
Zwischenfrage: wisst ihr vielleicht, wo solche Versuche bereits vorliegen? Ist meine Bewertung des Problems unbegründet? Wo die Neurobiologie natürlich durchscheint, ist die Verwendung Maturanas Theorie der autopoietischen Systeme. Allerdings ist dies nicht direkt inhaltliche Bereicherung der Soziologie, sondern terminologische.
Die Gehirnforschung entwickelt sich seit dem letzten halben Jahrhundert rapide und ich frage mich manchmal, warum es nicht schon lange eine Bindestrichsoziologie gibt á la "Neurosoziologie"... So wie die Physiker sich mit Atomen und Quarks beschäftigen, so muss den Soziologen doch brennend das kleinste seiner sozialen Systeme interessieren. Das Gehirn.
Meiner Meinung nach macht es sich die Soziologie in diesem Fall zu einfach, wenn sie Kommunikation als Element der Disziplin erkennt. Für einige Anwendungen ist Kommunikation als Grundlage der Gesellschaft vollkommen akzeptabel, aber es beschränkt als Grundsatz unnötig den Blick für anderes.
Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 07.10.2007 12:36 von Autopoiet.
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| 07.10.2007 12:33 |
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Rochester
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RE: Soziologie und Gehirnforschung
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| 11.10.2007 13:08 |
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Gast
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RE: Soziologie und Gehirnforschung
Hin und wieder wird schon von Neuro-Soziolgie gesprochen. Ich hab den Begriff beispielsweise im Buch "Wer erklärt den Menschen?" (siehe unten) gelesen. Seit der Entdeckung des "Gottesmoduls" im Gehirn wird z. B. auch schon der Ausdruck Neuro-Theologie verwendet.
Ich bin auch der Meinung, dass die Soziologie die Erkenntnisse der Neurobiologie (Neuropsychologie, Psychophysiologie etc.) integrieren kann. Dabei muss ihr jedoch die Überwindung ihres Menschenbildes gelingen. Ich schlage eine dialektischen Dreischritt nach Hegelscher Art vor:
These: Menschliches Verhalten/Handeln ist sozial (gesellschaftlich) bedingt.
Antithese: Menschliches Verhalten ist biologisch bedingt.
Synthese: Menschliches Verhalten ist durch die Wechselwirkung von Sozialem und Biologischem bedingt.
Wichtig erscheint es herauszufinden, wie die beiden Faktoren (Soziales/Gesellschaftliches und Biologisches) zu gewichten sind.
Mir fällt auf, dass die von mir vorgeschlagene Synthese in vielen Wissenschaften bereits Gang und Gebe ist. Aber wie diese Diskussion zeigt, scheint auch die Soziologie schön langsam aus ihrem schon inzestverdächtigen Bezug auf ihre Klassiker zu erwachen.
Den Ansatzpunkt für die Integration neurobiologischer Erkenntnisse sehe ich primär in akteurszentrierten Theorien (Paradigmen) der Soziologie und nicht in der Systemtheorie (obwohl das natürlich auch möglich wäre). Sieht man die biologische Natur des Menschen als Substrat für Gesellschaft an, wird die Grundlegung der Soziologie durch die Mikroebene meines Erachtens unumgänglich. Hierzu noch ein Zitat von Roth (2003, S. 11f.): "Die gesellschaftliche Natur des Menschen ergibt sich aus seiner (neuro)biologischen Natur und nicht umgekehrt, und deshalb ist die gesellschaftliche Natur des Menschen ohne die (neuro)biologische nicht verständlich. Nur weil der Mensch über angeborene Mechanismen verfügt, die ihn biologisch, psychisch und kommunikativ an andere Menschen binden, gibt es eine menschliche Gesellschaft."
Carsten Könneker (Hg.) (2007). Wer erklärt den Menschen? Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog (2. Auflage). Frankfurt am Main: Fischer.
Roth, Gerhard (2003). Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt am Main. Suhrkamp.
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| 11.10.2007 20:42 |
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Autopoiet
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RE: Soziologie und Gehirnforschung
Danke für den Artikel. Das geht durchaus in mein Interesse, wobei ich bei der Diskussion um Freiheit und Determinismus sehr vorsichtig bin. Man sollte, wie auch angesprochen wird, nicht wie blöd auf das neue Pferd aufspringen und rufen "Wir können nichts dafür", zumal es diese Diskussion schon sehr lange gibt und wohl nicht sobald geklärt ist. Dort halte ich die Philosophie für sehr wichtig, die durchaus adäquate Argumente für Freiheit hat und sei es die Annahme: Wir müssen uns frei denken, um frei zu handeln.
Und Ich denke auch nicht, dass ein biologischer Determinismus die Antwort auf alle Fragen ist, da es soziale Determinanten gibt und immer geben wird, die für mich nichts mit dem biologischen System zu tun haben.
Von Roth habe ich schon häufig gehört, lohnt sich eine ausgiebigere Lektüre? Denn mein Eindruck war unter anderem auch, dass er als "radikaler Konstruktivist" in einigen populären Texten nur bedingt ernst zu nehmen ist.
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| 11.10.2007 20:54 |
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Gast
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RE: Soziologie und Gehirnforschung
"...da es soziale Determinanten gibt und immer geben wird, die für mich nichts mit dem biologischen System zu tun haben."
Aha, wie soll das funktionieren? Wer sonst außer ein Organismus/psycho-physisches System/Mensch (wie auch immer) soll Soziales produzieren (das dann wieder aufs Individuum zurückwirkt? Bitte keine abstrakten Luhmann-Erklärungen!
Zu Roth: Ich würd mal ein bisschen reinlesen und mir selbst ein Bild machen! Meines Erachtens ist seine Froschung (diese auf jeden Fall) aber auch seine philosophischen Thesen durchaus ernst zu nehmen.
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| 11.10.2007 22:23 |
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Autopoiet
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RE: Soziologie und Gehirnforschung
Theoretische Erklärungen hab ich nicht parat, ist meine "persönliche Meinung" sofern es soetwas gibt. Was ich damit konkret sagen will ist, dass soziale Determinanten sicherlich im Kopf produziert wurden und reproduziert werden, sie aber bereits solch einen Sachzwang entwickelt haben, dass man sie an sich ernst nehmen muss. Oder kurz: Neurobiologie allein reicht nicht aus. Irgendwie hab ich manchmal den Eindruck, Neurobiologen meinten, sie könnten mit ihrer Forschung die Weltformel finden. Möglicherweise lässt sich diese Aussage nicht halten, mag sein, aber mir leuchtet das ein. Tja, so ist das mit den eigenen Gedanken ;-)
Generell bin ich sowieso der Meinung, dass man das alles nicht mit unserer Semantik ausdrücken kann und ich hab das Gefühl, dass die Forschung irgendwo einen Fehler macht. Das ist alles zu surreal und paradox.
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| 12.10.2007 00:14 |
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klemmi
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RE: Soziologie und Gehirnforschung
Ich war bis vor kurzem noch davon überzeugt, dass die Soziologie mehr in Richtung Biologie schielen sollte. Hin und wieder gibt es das ja auch - biosoziologische Ansätze sind in der Minderheit aber durchaus vorhanden. Mittlerweile bin ich in dieser Hinsicht etwas skeptischer geworden. Mir scheint, dass Biologie und Soziologie einfach unterschiedliche Erklärungsmuster zu bieten haben, die man nicht immer ohne weiteres verbinden kann/sollte.
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| 12.10.2007 14:46 |
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Rochester
Neuling

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RE: Soziologie und Gehirnforschung
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| 12.10.2007 20:30 |
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klemmi
Interessierte(r)
 
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RE: Soziologie und Gehirnforschung
Ich habe mir die FAZ-Artikel noch nicht durchgelesen - werde ich noch machen. Zuvor wollte ich - da es dort offenbar auch um Darwin und Co. geht - noch loswerden, dass ich besonders das gegenwärtige Umgreifen und die unkritische Rezeption evolutionspsychologischer Konstrukte überhaupt nicht leiden kann. Die Erklärungskraft der Evolutionspsychologie ist m.E. sehr fragwürdig.
Dazu sollte man vielleicht auch folgendes Lesen - ein Artikel von M. Lenz: http://mlenz.de/kritikep.pdf
Lenz hat übrigens ein schönes Buch zur "Geschlechtersozialisation aus biologischer Sicht" geschrieben.
Was die Hirnfoschung angeht, fand ich auch folgenden Beitrag zu einem konkreten Thema interessant: >Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn?<
Dabei sind wir bei einem wesentlichen Aspekt angelangt - der Frage nach der Natürlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit. Und dazu fällt mir dann wieder folgendes ein:
PS: Ob die Hirnforschung oder die Biologie jemals für Soziologen gewinnbringend erklären kann, warum ich auf die Herrentoilette und meine Feundin auf die Damentoilette geht, wage ich zu bezweifeln.
Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17.06.2008 00:27 von klemmi.
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| 13.10.2007 14:13 |
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L00-M4N
Neuling

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RE: Soziologie und Gehirnforschung
Ich bringe mal meine bescheidene Meinung hier ein. Ich denke, dass man mit solchen Konstrukten wie Biodeterminismus vorsichtig sein sollte. Wie viele andere Determinismen in der Geschichte der Menschheit, wird er natuerlich auch dazu gebraucht bestehende gesellschaftliche Verhaeltnisse als die einzige, von Natur aus ueberhaupt denkbare, Moeglichkeit darzustellen. Es wird dann einfach mit Zwischenergebnissen einer Forschung (Gehirnforschung) argumentiert, deren Wert, unter den Neurobiologen selbst, aeusserst umstritten ist. Ich will natuerlich nicht abstreiten, dass der Mensch im Rahmen seiner biologischen Moeglichkeiten handelt.
@gast:
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Aha, wie soll das funktionieren? Wer sonst außer ein Organismus/psycho-physisches System/Mensch (wie auch immer) soll Soziales produzieren (das dann wieder aufs Individuum zurückwirkt? Bitte keine abstrakten Luhmann-Erklärungen!
"
nach der Argumentation kann man ja auch gleich die Physiker fragen, warum die Menschen sich unter bestimmten Bedingungen so und nicht anders verhalten.
Worauf ich damit hinaus will ist die unendliche Vielfalt der unterschiedlichen Gesellschaftsmodelle, die, ob nun sonderlich erfolgreich oder eben nicht, einfach existieren bzw. existiert haben. Dahinter biologische Grundlagen zu finden, die auf ALLE diese Gesellschaften zutreffen, ohne eine einzige auszulassen, halte ich fuer ziemlich unmoeglich und auch einfach irrelevant.
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| 16.10.2007 15:17 |
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