Antwort schreiben  Thema schreiben 
Seiten (2): « Erste < Vorherige 1 [2] Letzte »
Soziologie und Gehirnforschung
Verfasser Nachricht
Dominik
Unregistered


Beitrag: #11
RE: Soziologie und Gehirnforschung

Resumée: Die Fronten haben sich in dieser Diskussion scheinbar verhärtet, und zwar auf den (scheinbaren) Widerspruch (Neuro)-Biologie (konnotiert mit Determinismus) und Soziologie (Handeln ist gesellschaftlich bedingt).

Ich will es daher nochmals versuchen zu zeigen, dass hier nicht unbedingt ein Widerspruch zu sehen ist. Meine grundsätzliche These ist, dass menschliches Handeln durch die Wechselwirkung zwischen Sozialem (Gesellschaftlichem) und Biologischem bedingt ist (vgl. Diskussionsbeitrag weiter oben).

Es gibt Neurobiologen (und Wissenschaftler in ähnlichen Gebieten) die behaupten menschliches Handeln sei determiniert. Prinzipiell haben sie (laut Forschungsstand) Recht, da jedes Verhalten durch kausal wirkende biologische Prozesse verursacht wird. Diese Diskussion ist aber prinzipiell ein philosophische und es geht dabei meist darum ob die These eines immateriellen Geistes haltbar ist. In dieser Diskussion geht es auch oft um den „freien Willen“ und ob es diesen aufgrund bestimmter Forschungsergebnisse gibt (siehe z. B. Libet-Experiment). Diese Diskussion ist (wie schon seit Jahrhunderten) offen und wird es sicher auch noch lange Zeit bleiben. Nun stellt sich die Frage, welche soziologischen Implikationen diese Diskussion hat. Ich denke, dass die Ergebnisse der Neurobiologie für die Soziologie sehr fruchtbar sein können, wenn man die Sache richtig angeht. Der erste Schritt muss sein, dass sich die Disziplinen der anderen gegenüber öffnen und dass die Soziologen nicht sofort Einspruch erheben, wenn sie z. B. den Ausdruck „biologischer Determinismus“ hören. Die gegenseitige Befruchtung wird auch sicher zeigen (davon bin ich überzeugt), dass die Biologie die Soziologie nicht überflüssig macht oder umgekehrt. Eben weil menschliches Verhalten/Handeln im Wechselspiel zwischen biologischen und sozialen/gesellschaftlichen Prozessen entsteht: Erst die biologisch bedingten Fähigkeiten (z. B. Kognition, Antizipation, Intentionalität etc.) des Menschen machen Soziales (so wie wir es kenne) möglich. Diese Fähigkeiten bilden das Substrat, dass Gesellschaft möglich ist, die als Makrophänomen dann wieder auf das Individuum zurückwirkt (So ist meines Erachtens Gesellschaft wie es z. B. auch Durkheim sagt eine „Realität sui generis“, da sie z. B. Institutionen schafft, die unser Handeln und vor allem die Situation in der wir Handeln prägen, oder Werte zur Verfügung stellt nach denen Menschen ihr Handeln ausrichtet etc.). Gesellschaft prägt aber nicht nur unser Handeln sonder auch die biologische Grundlage. Dies liegt vor allem daran, dass unser Gehirn ein so komplexes und lernfähiges System ist. Werte und Normen werden im Laufe der Sozialisation internalisiert und im Gehirn abgebildet, sozusagen in Biologie umgewandelt. Hier ist natürlich zu erwähnen, dass Werte aber auch ein biologische Grundlage haben, da der Mensch prinzipiell mit Hilfe von Emotionen zwischen „dem Wohlbefinden/Fortbestand zuträglich“ und „dem Wohlbefinden/Fortbestand nicht zuträglich“ unterscheiden kann. Auch routinisiertes Handeln (ein zentrales Konstrukt vieler soziologischer Theorien) ist sozial und gesellschaftliches geprägt und wird z. B. zum Teil in den Basalganglien (meines Wissens nach) abgespeichert. Welche Aspekte man in einer Situation wahrnimmt ist zwar biologisch bedingt (z. B. durch Emotionen), aber welche Reize emotional gefärbt werden unterliegt in vielen Fällen einem Lernprozess (z. B. durch klassisches Konditionieren).

Auch in der Genetik geht man bereits davon aus, dass es eine Wechselwirkung zwischen Sozialem und Biologischem gibt. Ein Beispiel: Mütterliche Zuneigung bewirkt, dass ein Anti-Stress-Gen erst aktiviert wird (Experimente mit Mäusen).

Und nochmal: Menschliches Verhalten ist biologische determiniert, zum Großteil durch das menschliche Nervensystem. Jedoch: Das menschliche Nervensystem ist in seinen Verschaltungen gesellschaftlich geprägt. Hier ist meines Erachtens auch die Grundlage (!) für die Flexibilität und Verschiedenheit menschlicher Lebensäußerungen zu sehen.


Organisches System (Mensch) <--> Gesellschaft


Natürlich könnten Soziologen jetzt sagen, dass sie dass nicht interessiere und dass die Ergebnisse in der Biologie für sie irrelevant sind. Ich bin aber der Meinung, dass ein gegenseitiger Austausch zwischen den Disziplinen viel bringt: Es könnten z. B. Handlungstheorien verbessert werden. Es könnte nachgeprüft werden ob bereits bestehende Annahmen der Soziologie eine biologische Grundlage aufweisen oder dieser entbehren.

Dominik

16.10.2007 20:41
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
L00-M4N
Neuling
*


Beiträge: 7
Gruppe: Registered
Registriert seit: Aug 2007
Status: Offline
Beitrag: #12
RE: Soziologie und Gehirnforschung

Ich verdeutliche mal meine Haltung zu dem ganzen mit einem populaerwissenschaftlichen (und das ist sowieso das einzige Niveau, auf dem wir uns in der Gehirnforschung bewegen koennen) Artikel. Ich finde darin wird gut aufgezeigt, was fuer Sachen dabei herauskommen, wenn man anfaengt Verhalten durch Biologie erklaeren zu wollen. Die Festschreibung der derzeitigen (in welcher Zeit auch immer Forschungen in dem Themengebiet gemacht werden) Verhaltensweisen als die einzig moeglichen, wie ich schonmal erwaehnte. Dagegen steht ein, wenn ueberhaupt, nur minimaler Nutzen fuer die Soziologie. Ich bin der Meinung, dass es gut ist, wenn Forschung einen Nutzen produziert (womit ich natuerlich nicht sagen moechte, dass Forschung, die eben keinen wirklich greifbaren Nutzen hat, nicht betrieben werden sollte). Vor allem aber sollte Forschung, die nicht zwingend Notwendig erscheint, nicht voller Gefahr nur so strotzen. Das ist leider der Fall bei der Kombination von Gehirnforschung und Soziologie, weswegen man sich besser nich auf das Terrain begeben sollte.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaf...04,00.html

Was allerdings ein interessantes Forschungsfeld ist, ist die Tatsache, dass mit allen Mitteln versucht wird das eigene (das eigene als ich, oder als ich, die Gesellschaft) Handeln als das einzig moegliche darzustellen. Man hatte nie eine andere Wahl, sondern jede Entscheidung war quasi "gottgegeben". Warum ist das so?

mfg

17.10.2007 18:14
Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Anonym
Unregistered


Beitrag: #13
RE: Soziologie und Gehirnforschung

Dominik schrieb:
Und nochmal: Menschliches Verhalten ist biologische determiniert, zum Großteil durch das menschliche Nervensystem. Jedoch: Das menschliche Nervensystem ist in seinen Verschaltungen gesellschaftlich geprägt. Hier ist meines Erachtens auch die Grundlage (!) für die Flexibilität und Verschiedenheit menschlicher Lebensäußerungen zu sehen.

Dem stimme ich uneingeschränkt zu.
Wenn man davon ausgeht, dass Nervensystem sei nicht durch die Gesellschaft geprägt -in meinen Augen ist es nicht nur durch die Gesellschaft geprägt, sondern voll und ganz determiniert- wird Fehlverhalten, wie Aggresivität oder Kriminalität, zwangsläufig als biologische Krankheit gewertet und auch auf diesem Wege behandelt, wie es teilweise bereits geschieht.
Dadurch wird aber die eigentliche Lösung des Problems, die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, verhindert.

25.12.2007 22:37
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Seiten (2): « Erste < Vorherige 1 [2] Letzte »
Antwort schreiben  Thema schreiben 

Druckversion anzeigen
Thema einem Freund senden
Thema abonnieren | Thema zu den Favoriten hinzufügen

Gehe zu Forum: