Soziologie und Gehirnforschung
|
| Verfasser |
Nachricht |
Dominik
Unregistered
|
RE: Soziologie und Gehirnforschung
Resumée: Die Fronten haben sich in dieser Diskussion scheinbar verhärtet, und zwar auf den (scheinbaren) Widerspruch (Neuro)-Biologie (konnotiert mit Determinismus) und Soziologie (Handeln ist gesellschaftlich bedingt).
Ich will es daher nochmals versuchen zu zeigen, dass hier nicht unbedingt ein Widerspruch zu sehen ist. Meine grundsätzliche These ist, dass menschliches Handeln durch die Wechselwirkung zwischen Sozialem (Gesellschaftlichem) und Biologischem bedingt ist (vgl. Diskussionsbeitrag weiter oben).
Es gibt Neurobiologen (und Wissenschaftler in ähnlichen Gebieten) die behaupten menschliches Handeln sei determiniert. Prinzipiell haben sie (laut Forschungsstand) Recht, da jedes Verhalten durch kausal wirkende biologische Prozesse verursacht wird. Diese Diskussion ist aber prinzipiell ein philosophische und es geht dabei meist darum ob die These eines immateriellen Geistes haltbar ist. In dieser Diskussion geht es auch oft um den „freien Willen“ und ob es diesen aufgrund bestimmter Forschungsergebnisse gibt (siehe z. B. Libet-Experiment). Diese Diskussion ist (wie schon seit Jahrhunderten) offen und wird es sicher auch noch lange Zeit bleiben. Nun stellt sich die Frage, welche soziologischen Implikationen diese Diskussion hat. Ich denke, dass die Ergebnisse der Neurobiologie für die Soziologie sehr fruchtbar sein können, wenn man die Sache richtig angeht. Der erste Schritt muss sein, dass sich die Disziplinen der anderen gegenüber öffnen und dass die Soziologen nicht sofort Einspruch erheben, wenn sie z. B. den Ausdruck „biologischer Determinismus“ hören. Die gegenseitige Befruchtung wird auch sicher zeigen (davon bin ich überzeugt), dass die Biologie die Soziologie nicht überflüssig macht oder umgekehrt. Eben weil menschliches Verhalten/Handeln im Wechselspiel zwischen biologischen und sozialen/gesellschaftlichen Prozessen entsteht: Erst die biologisch bedingten Fähigkeiten (z. B. Kognition, Antizipation, Intentionalität etc.) des Menschen machen Soziales (so wie wir es kenne) möglich. Diese Fähigkeiten bilden das Substrat, dass Gesellschaft möglich ist, die als Makrophänomen dann wieder auf das Individuum zurückwirkt (So ist meines Erachtens Gesellschaft wie es z. B. auch Durkheim sagt eine „Realität sui generis“, da sie z. B. Institutionen schafft, die unser Handeln und vor allem die Situation in der wir Handeln prägen, oder Werte zur Verfügung stellt nach denen Menschen ihr Handeln ausrichtet etc.). Gesellschaft prägt aber nicht nur unser Handeln sonder auch die biologische Grundlage. Dies liegt vor allem daran, dass unser Gehirn ein so komplexes und lernfähiges System ist. Werte und Normen werden im Laufe der Sozialisation internalisiert und im Gehirn abgebildet, sozusagen in Biologie umgewandelt. Hier ist natürlich zu erwähnen, dass Werte aber auch ein biologische Grundlage haben, da der Mensch prinzipiell mit Hilfe von Emotionen zwischen „dem Wohlbefinden/Fortbestand zuträglich“ und „dem Wohlbefinden/Fortbestand nicht zuträglich“ unterscheiden kann. Auch routinisiertes Handeln (ein zentrales Konstrukt vieler soziologischer Theorien) ist sozial und gesellschaftliches geprägt und wird z. B. zum Teil in den Basalganglien (meines Wissens nach) abgespeichert. Welche Aspekte man in einer Situation wahrnimmt ist zwar biologisch bedingt (z. B. durch Emotionen), aber welche Reize emotional gefärbt werden unterliegt in vielen Fällen einem Lernprozess (z. B. durch klassisches Konditionieren).
Auch in der Genetik geht man bereits davon aus, dass es eine Wechselwirkung zwischen Sozialem und Biologischem gibt. Ein Beispiel: Mütterliche Zuneigung bewirkt, dass ein Anti-Stress-Gen erst aktiviert wird (Experimente mit Mäusen).
Und nochmal: Menschliches Verhalten ist biologische determiniert, zum Großteil durch das menschliche Nervensystem. Jedoch: Das menschliche Nervensystem ist in seinen Verschaltungen gesellschaftlich geprägt. Hier ist meines Erachtens auch die Grundlage (!) für die Flexibilität und Verschiedenheit menschlicher Lebensäußerungen zu sehen.
Organisches System (Mensch) <--> Gesellschaft
Natürlich könnten Soziologen jetzt sagen, dass sie dass nicht interessiere und dass die Ergebnisse in der Biologie für sie irrelevant sind. Ich bin aber der Meinung, dass ein gegenseitiger Austausch zwischen den Disziplinen viel bringt: Es könnten z. B. Handlungstheorien verbessert werden. Es könnte nachgeprüft werden ob bereits bestehende Annahmen der Soziologie eine biologische Grundlage aufweisen oder dieser entbehren.
Dominik
|
|
| 16.10.2007 19:41 |
|
 |
L00-M4N
Neuling

Beiträge: 7
Gruppe: Registered
Registriert seit: Aug 2007
Status:
Offline
|
RE: Soziologie und Gehirnforschung
Ich verdeutliche mal meine Haltung zu dem ganzen mit einem populaerwissenschaftlichen (und das ist sowieso das einzige Niveau, auf dem wir uns in der Gehirnforschung bewegen koennen) Artikel. Ich finde darin wird gut aufgezeigt, was fuer Sachen dabei herauskommen, wenn man anfaengt Verhalten durch Biologie erklaeren zu wollen. Die Festschreibung der derzeitigen (in welcher Zeit auch immer Forschungen in dem Themengebiet gemacht werden) Verhaltensweisen als die einzig moeglichen, wie ich schonmal erwaehnte. Dagegen steht ein, wenn ueberhaupt, nur minimaler Nutzen fuer die Soziologie. Ich bin der Meinung, dass es gut ist, wenn Forschung einen Nutzen produziert (womit ich natuerlich nicht sagen moechte, dass Forschung, die eben keinen wirklich greifbaren Nutzen hat, nicht betrieben werden sollte). Vor allem aber sollte Forschung, die nicht zwingend Notwendig erscheint, nicht voller Gefahr nur so strotzen. Das ist leider der Fall bei der Kombination von Gehirnforschung und Soziologie, weswegen man sich besser nich auf das Terrain begeben sollte.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaf...04,00.html
Was allerdings ein interessantes Forschungsfeld ist, ist die Tatsache, dass mit allen Mitteln versucht wird das eigene (das eigene als ich, oder als ich, die Gesellschaft) Handeln als das einzig moegliche darzustellen. Man hatte nie eine andere Wahl, sondern jede Entscheidung war quasi "gottgegeben". Warum ist das so?
mfg
|
|
| 17.10.2007 17:14 |
|
 |
Anonym
Unregistered
|
RE: Soziologie und Gehirnforschung
Und nochmal: Menschliches Verhalten ist biologische determiniert, zum Großteil durch das menschliche Nervensystem. Jedoch: Das menschliche Nervensystem ist in seinen Verschaltungen gesellschaftlich geprägt. Hier ist meines Erachtens auch die Grundlage (!) für die Flexibilität und Verschiedenheit menschlicher Lebensäußerungen zu sehen.
Dem stimme ich uneingeschränkt zu.
Wenn man davon ausgeht, dass Nervensystem sei nicht durch die Gesellschaft geprägt -in meinen Augen ist es nicht nur durch die Gesellschaft geprägt, sondern voll und ganz determiniert- wird Fehlverhalten, wie Aggresivität oder Kriminalität, zwangsläufig als biologische Krankheit gewertet und auch auf diesem Wege behandelt, wie es teilweise bereits geschieht.
Dadurch wird aber die eigentliche Lösung des Problems, die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, verhindert.
|
|
| 25.12.2007 21:37 |
|
 |
Themroc
Neuling

Beiträge: 1
Gruppe: Registered
Registriert seit: Mar 2009
Status:
Offline
|
RE: Soziologie und Gehirnforschung
Dass das Nervensystem nicht durch die Gesellschaft geprägt wird, ist empirisch schlicht und ergreifend nicht haltbar. Die Synapsen des Gehirns verwachsen in Bezug zu Reizungen von außen und dass eine Wechselwirkung besteht, zeigen schon so einfache psychologische Experimente wie Konditionierung. Die einzige Möglichkeit diese These zu retten ist, mit der Selbstreferentialität des Gehirns zu argumentieren, aber selbst dann müsste es noch so etwas wie strukturelle Kopplung geben, was zwar keiner Determination, aber dennoch einer starken Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Individuums gleichkommen würde.
Die Neurologie spielt in sofern eine Rolle für die Sozioogie, als dass sie die physiologischen Grenzen der gesellschaftlichen Beeinflussung ausloten kann.
Generell denke ich, dass der Mensch natürlich bestimmte körperliche Grenzen hat, die im Rahmen seiner Sozialisation und dem agieren in der Gesellschaft zum Ausdruck kommen. Er muss zum Beispiel Essen, Schlafen, Notdurft erledigen usw. Diese Sachen finden ihre neurologische Repräsentation in Bedürfnissen die uns Antreiben. Die konkrete Umsetzung dieser Bedürfnisse und welche Ausprägung die klassisch in der Maslowschen Pyramide darüberliegenden, wie Anerkennung usw. ist Hauptsächlich durch die Gesellschaft und durch die Co-Evolution mit dieser bestimmt.
Warum halten wir zum Beispiel an, wenn wir auf Klo müssen, anstatt in den Flur zu Pinkeln?
Kein Sozialbiologe kann mir erklären, dass das ein determinierter, rein evolutionärer Prozess ist.
Offensichtlich gibt es eine soziale Konfiguration, die das Gefühl "Peinlich" benutzt um eine an sich stärkere physiologische Notwendigkeit zu unterdrücken.
Jeder der schon mal in ein Waschbecken gepinkelt hat, wird wissen wovon ich spreche.
Natürlich argumentiere ich mit reinem Laienwissen, wenn es um Neurologie geht.
|
|
| 08.03.2009 18:18 |
|
 |
Anonym
Unregistered
|
RE: Soziologie und Gehirnforschung
es ist einfach unerheblich. klar spielt der organismus eine rolle ohne die kein soziales system zu stande kommt, aber das tut auch die sonne und der erdmagnetismus, iwo muss man halt einen schlussstrich ziehen und für die erklärung von makrophänomenen sind biologische determinanten einfach irrelevant
|
|
| 27.05.2009 19:27 |
|
 |
Alan J. Johnson
Neuling

Beiträge: 1
Gruppe: Registered
Registriert seit: Jun 2010
Status:
Offline
|
RE: Soziologie und Gehirnforschung
Also ich bin der Meinung, dass die Ergebnisse der Hirnforschung einige sehr wichtige Hinweise auf bestimmte Phänomene der Sozialwelt beinhalten - während unser Forschungszweig den neuen Erkenntnissen hinterherhinkt - was ich äußerst bedauere, da sich hier der Soziologie eine EINMALIGE Gelegenheit bietet, sich stärker zu etablieren.
Ich bin gerade dabei ein Buch zu diesem Thema zu schreiben und beschäftige mich deshalb ausführlicher mit der Hirnforschung. Ich kann nur sagen, dass ich ausdrücklicher Befürworter einer Neuro-Soziologischen Schule bin.
Um die Verbindung zwischen Neurowiss. und Soziologie einmal bildhaft zu beschreiben:
[http://www.sueddeutsche.de/wissen/brutalitaet-und-ernaehrung-vitamine-fuer-die-harten-jungs-1.32556]
In einer Studie unter Gefangenen einer Strafanstalt hat man festgestellt, dass sie ein weit geringeres Zorn-Potential entwickeln, wenn sie einfach nur mehr Vitamine u.ä. zu sich nehmen dürfen. Nun versuche mir bitte jemand den Zusammenhang REIN Soziologisch zu erklären? Selbstverständlich erhält man schöne Korrelationen - doch die Zusammenhänge gehen eben doch tiefer, weil eben doch die Hirnchemie mit in die Formulierung der Hypothese aufgenommen werden muss.
Meines erachtens wird in der Soziologie ein gefährlicher Reduktionismus betrieben, indem in der Vielzahl der praktischen Forschung (Qualitativ, als auch Quantitativ) meist nur Fragebögen und Beobachtungen hinzugezogen werden.
Wenn wir aber, als wahrhafte Soziologen, zum Kern kollektiven menschlichen Verhaltens stoßen wollen (komischerweise ist die Interdisziplinarität zur Psychologie bereits lange Zeit gang und gäbe), so müssen die neuesten Erkenntnisse der Neurowiss. zwangsläufig mit in den Lehr- und Forschungskanon einbezogen werden. Stichwort Spiegelneuronen, Entwicklung des Sprachzentrums durch soziokulturelle Prägungen, Auswirkungen von Belohnungen und Bestrafungen auf Kohorten der 10 Jährigen... würde man sich diesen Aspekten öffnen, ergäbe sich eine ungeahnte Fülle neuer Themengebiete, deren Erforschung noch in den Kinderschuhen steckt.
Lange Rede kurzer Sinn: Während sich die Neurowissenschaftler um die Funktionsweise des einzelnen Gehirns kümmern, obliegt es der Soziologie&Sozialwissenschaft, das Zusammenspiel vieler Gehirne zu entschlüsseln. Darüber handelt auch mein, zur Zeit noch in der Bearbeitung befindliches, Werk.
Außerdem möchte ich, rein wissenschaftstheoretisch, darauf hinweisen, dass eine wiss. Annahme nur solange bestand hat, wie sie falsifiziert oder erweitert wird. Meiner persönlichen Meinung nach, sträubt sich die Soziologische Schule zu einem großen Teil nur deshalb der Neuerungen, weil dann eine Fülle bereits etablierter Theorien erweitert, womöglich falsifiziert werden müsste - und, wie, gerade wir Soziologen, wissen, gehen solche großflächigen Strukturänderungsbestrebungen ersteinmal immer mit einem Widerstreben bereits etablierter Strukturen einher (was unter anderem auch sehr schön UND schlüssig durch die Neurowiss. erklärt werden kann).
Ich hoffe auf anregende Postings dahingehend...
Für hilfreiche Erkenntnisse, interessante Ko-Autoren bin ich gerne offen.
Euer Alan J.
P.S.: Ich fand es sehr befremdlich, dass man zu diesem Thema fast nichts aktuelles findet (Teilweise waren Blogs von 2007!)- obgleich man doch immer nach aktuellen, ergiebigen und interessanten Forschungsgebieten suchen sollte.
|
|
| 30.06.2010 15:17 |
|
 |
|
|