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3 Bewertungen - 5 im Durchschnitt   Kritik der Soziologie
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criticus
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Kritik der Soziologie

Guten Tag an das Forum,

ich würde hier gerne mal meine Kritik an der Soziologie im Allgemeinen preisgeben. Mal sehen, was ihr Soziologen so dazu zu sagen habt:

Kritik der Soziologie:

- kann versuchen, gesellschaftliche Zustände auf verschiedene Arten zu analysieren und vorauszusagen.
- kann keine völlig gerechten Lösungen finden, weil das Problem im Menschen liegt (sind verschieden, haben unterschiedliche Wünsche, tragen Machtkämpfe aus)
→ Politik ist zwangsweise ungerecht (einzige Möglichkeit: versuchen, sich dem Ideal anzunähern)

- tappt immer im Dunkeln bis Medizin, Hirnforschung und Psychologie Klärung über Unsicherheitsfaktor Mensch schaffen können. Daher MUSS jede theorie sehr stark vereinfacht sein und schwebt fundamentlos in der Luft

- Beruf: permanent soziologische Bücher und Artikel lesen und Theorien jonglieren. Immer wieder eine Theorie durch andere angesehene Theorien überprüfen (obwohl letztlich alle fundamentlos). Eigene Einschätzung oder Überprüfung der logischen Konsistenz gelten meist nicht als wissenschaftliche Leistung, sondern höchstens eine eigene Theorie, die wieder aus anderen Autoritäten zusammengebaut ist
→ zu schwammig: Herangehensweise wie bei Naturwissenschaften versucht (Kombination von Theorien, um das Richtige Ergebnis zu bekommen), aber Theorien nicht vereinbar, weil keine Theorie wirklich bewiesen ist und immer neu auf unterschiedlichen, fiktiven Ebenen angesetzt werden kann und wird. ---> es gibt keine Theorie, die alles verbindet, sondern etliche “Richtungen”, die schließlich zwingen, sich an Original-Autoritäten (Klassikern) zu orientieren

18.09.2009 13:23
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Silver
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Beitrag: #2
RE: Kritik der Soziologie

Hallo Criticus,

Zitat:
- kann versuchen, gesellschaftliche Zustände auf verschiedene Arten zu analysieren und vorauszusagen.


wobei man "analysieren" als "beschreiben", "verstehen" oder als "erklären" verstehen kann.
"Voraussagen" sind mE nur eingeschränkt möglich, da es die Soziologie nicht, wie die Naturwissenschaft, mit einem nahezu fixen Gegenstand zu tun hat, sondern mit einem Gegenstandsbereich, der sich andauernd verändert und der auf den Forscher selbst - abhängig vom Untersuchungsdesign - zu reagieren vermag.

Zitat:
- kann keine völlig gerechten Lösungen finden, weil das Problem im Menschen liegt (sind verschieden, haben unterschiedliche Wünsche, tragen Machtkämpfe aus)
→ Politik ist zwangsweise ungerecht (einzige Möglichkeit: versuchen, sich dem Ideal anzunähern)


Mir leuchtet hier die "Gerechtigkeit"sfrage nicht ganz ein.

Zitat:
- tappt immer im Dunkeln bis Medizin, Hirnforschung und Psychologie Klärung über Unsicherheitsfaktor Mensch schaffen können. Daher MUSS jede theorie sehr stark vereinfacht sein und schwebt fundamentlos in der Luft


Es gibt soziologische Ansätze, die deshalb gerade vom Menschen abstrahieren und Variablen, Strukturen, Verhaltenserwartungen etc. untersuchen. Und es gibt soziologische Ansätze, die deshalb versuchen, die aktuellen Ergebnisse der psychologischen und neurologischen Forschung einzubeziehen. (sieh z.b. schon vor 100 Jahren G. H. Mead.)


Zitat:
- Beruf: permanent soziologische Bücher und Artikel lesen und Theorien jonglieren. Immer wieder eine Theorie durch andere angesehene Theorien überprüfen (obwohl letztlich alle fundamentlos). Eigene Einschätzung oder Überprüfung der logischen Konsistenz gelten meist nicht als wissenschaftliche Leistung, sondern höchstens eine eigene Theorie, die wieder aus anderen Autoritäten zusammengebaut ist
→ zu schwammig: Herangehensweise wie bei Naturwissenschaften versucht (Kombination von Theorien, um das Richtige Ergebnis zu bekommen), aber Theorien nicht vereinbar, weil keine Theorie wirklich bewiesen ist und immer neu auf unterschiedlichen, fiktiven Ebenen angesetzt werden kann und wird. ---> es gibt keine Theorie, die alles verbindet, sondern etliche “Richtungen”, die schließlich zwingen, sich an Original-Autoritäten (Klassikern) zu orientieren


Mein Eindruck ist, dass nur wenige Soziologen im "Beruf" andauernd "rein" mit Theorien hantieren. Vielmehr dreht sich die Arbeit hier vor allem darum, Theorien kurzer und mittlerer Reichweite in Bezug auf empirische Daten zu entwickeln oder empirische Daten zu analysieren und zu deuten.

Beste Grüße,
Silver

18.09.2009 17:48
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criticus
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Beitrag: #3
RE: Kritik der Soziologie

Hallo Silver,

Silver schrieb:

Zitat:
- kann keine völlig gerechten Lösungen finden, weil das Problem im Menschen liegt (sind verschieden, haben unterschiedliche Wünsche, tragen Machtkämpfe aus)
→ Politik ist zwangsweise ungerecht (einzige Möglichkeit: versuchen, sich dem Ideal anzunähern)


Mir leuchtet hier die "Gerechtigkeit"sfrage nicht ganz ein.


Die Gerechtigkeitsfrage in Frage zu stellen ist in der Tat gerechtfertigt. Ich habe aber den Eindruck, dass von den Gesellschaftswissenschaften oft genau das Anstreben des Zustandes der maximalen Gerechtigkeit erwartet wird, damit die wissenschaftliche Disziplin nicht im Endeffekt als Selbstzweck dasteht.

Silver schrieb:

Zitat:
- Beruf: permanent soziologische Bücher und Artikel lesen und Theorien jonglieren. Immer wieder eine Theorie durch andere angesehene Theorien überprüfen (obwohl letztlich alle fundamentlos). Eigene Einschätzung oder Überprüfung der logischen Konsistenz gelten meist nicht als wissenschaftliche Leistung, sondern höchstens eine eigene Theorie, die wieder aus anderen Autoritäten zusammengebaut ist
→ zu schwammig: Herangehensweise wie bei Naturwissenschaften versucht (Kombination von Theorien, um das Richtige Ergebnis zu bekommen), aber Theorien nicht vereinbar, weil keine Theorie wirklich bewiesen ist und immer neu auf unterschiedlichen, fiktiven Ebenen angesetzt werden kann und wird. ---> es gibt keine Theorie, die alles verbindet, sondern etliche “Richtungen”, die schließlich zwingen, sich an Original-Autoritäten (Klassikern) zu orientieren


Mein Eindruck ist, dass nur wenige Soziologen im "Beruf" andauernd "rein" mit Theorien hantieren. Vielmehr dreht sich die Arbeit hier vor allem darum, Theorien kurzer und mittlerer Reichweite in Bezug auf empirische Daten zu entwickeln oder empirische Daten zu analysieren und zu deuten.


Absolut richtig! Mit Beruf habe ich hier diejenigen Soziologen gemeint, die auch wirklich als "nur" Soziologen in der Wissenschaft arbeiten. Gerade hier stoßen sie auf mehr Theorien hoher Reichweite, deren empirische Überprüfung kaum machbar zu sein scheint.

20.09.2009 13:40
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Alexandre
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Beitrag: #4
RE: Kritik der Soziologie

Hallo Criticus,

Kritik ist immer willkommen! Ich hätte da einige Anmerkungen:

1. In den Naturwissenschaften sind Voraussagen auch nur eingeschränkt möglich, siehe z.B. das N-Körperproblem bei dem die Gleichungen ab N größer gleich drei im allgemeinen nicht mehr analytisch lösbar sind. Daher müssen Lösungen numerisch angenähert werden. Dabei taucht wiederum das Problem der Fehlerfortpflanzung auf. Im Prinzip ist es vorhersagbar, praktisch gibt es jedoch erhebliche Probleme.

2. Die Naturwissenschaften haben keinen nahezu fixen Gegenstand. Das Universum selber ist dynamisch. Und genau in diesem Bereichen hat auch die Physik ihre Schwierigkeiten. Die historische und zukünftige Entwicklung des Universums ist eine Frage die bis heute nicht geklärt ist. Oder die Biologie: Die Evolutionstheorie gibt Erklärungen ist aber nur sehr begrenzt zu Vorhersagen in der Lage.

3. Vorhersagen sind nicht das Ziel von Wissenschaft, sondern ein Mittel. Vorhersagen werden angewendet, um vorgeschlagene Erklärungen bzw. Theorien an der Erfahrung zu testen. Ziel ist es jedoch wahre Erklärungen zu erhalten. Daher wird die wissenschaftliche Gemeinschaft oder das Wissenschaftssystem irritiert sein, wenn die Forderung erhoben wird es solle gerechte Lösungen (für was? wissenschaftliche Fragestellungen?) finden.

4. Dass die Menschen unterschiedlich sind z.B. in Bezug auf Wünsche etc., ist ein Phänomen, welches wir aus unserer Alltagserfahrung kennen und mit dem wir sehr gut vertraut sind. Es ist nun von der speziellen Theorie abhängig, ob dieses Phänomen der Individualität als Axiom aufgenommen wird und auf dieser Grundlage andere Phänomene erklärt werden, z.B. wie Verstehen möglich ist. Oder das Phänomen selber ist das Rätsel und muss nun erklärt werden, so z.B. bei G.H. Mead. Ob ihm dies gelungen ist, sei jetzt mal dahingestellt.

5. Zunächst: Ich habe nichts dagegen Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, wie z.B. der Medizin, Hirnforschung und Psychologie aufzugreifen und in neuen Theorien zu verarbeiten, wenn sie denn etwas zum erklärten Forschungsprogramm der Soziologie beitragen. So ist eine zentrale Behauptung der Soziologie, dass soziale Normen ein erheblicher Faktor bei der Erklärung menschlichen Verhaltens sind. Normen werden aus Sicht der Soziologie im allgemeinen als emergent angesehen. D.h. sie können im allgemeinen nicht aus den Eigenschaften der beteiligten Individuen hergeleitet werden. Das schließt keine Spezialfälle aus. So können Normen in sehr simplen und speziellen sozialen Situationen durchaus mit Nashgleichgewichten identifiziert werden. Diese Nashgleichgewichte können vollständig aus den Eigenschaften der Individuen (hierbei natürlich immer rationale Akteure) hergeleitet werden.
Im Allgemeinen funktioniert das aber nicht. Natürlich kann uns die Hirnforschung aufklären, dass wir eine Veranlagung dazu haben Normen zu befolgen. So kennen wir alle das Gefühl des schlechten Gewissens, wenn wir eine Norm gebrochen haben und diese als Norm wahrgenommen haben. Dieses schlechte Gewissen kann durchaus eine spezielle Leistung des menschlichen Gehirns sein. Und diese Leistung trägt dazu bei, dass Normen befolgt werden. Diese allgemeine Leistung 'schlechtes Gewissen' erklärt jedoch noch nicht wie Normen entstehen. Ein weiteres Phänomen: Die kulturelle Prägung eines Menschen wird nicht durch biologische Faktoren bestimmt. Der biologische Organismus des Menschen ist in Bezug auf die Kultur sehr anpassungsfähig. So wird ein Kind von afrikanischen Eltern, wenn es als Baby von europäischen Eltern adoptiert und sozialisiert wird typisch europäische Bewusstseinsinhalte haben und typisch europäische Verhaltensweisen aufweisen. Der menschliche Organismus ist da sehr flexibel.
Meiner Meinung nach hat bisher keine Disziplin, die sich mit menschlichem Verhalten beschäftigt die alleinig selig machende Theorie. Eine Lösung könnte darin bestehen auf eine Harmonisierung aller Disziplinen hinzuarbeiten. Siehe dazu folgendes Video von Herbert Gintis:
http://videolectures.net/cvss08_gintis_fpubs/

6. Das Autoritäten-Problem sehe ich genauso. Die Soziologen müssen sich mehr an Experimenten orientieren als an Autoren und ihren Aussagen, Vermutungen und Ansichten.

Gruß,
Alexandre


"Wir müssen wissen,
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20.09.2009 15:11
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Silver
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Beitrag: #5
RE: Kritik der Soziologie

Hallo Alexandre,

Alexandre schrieb:
1. In den Naturwissenschaften sind Voraussagen auch nur eingeschränkt möglich, siehe z.B. das N-Körperproblem bei dem die Gleichungen ab N größer gleich drei im allgemeinen nicht mehr analytisch lösbar sind. Daher müssen Lösungen numerisch angenähert werden. Dabei taucht wiederum das Problem der Fehlerfortpflanzung auf. Im Prinzip ist es vorhersagbar, praktisch gibt es jedoch erhebliche Probleme.


es hängt natürlich davon auch ab, was man unter einer Erklärung versteht. Es gibt in der Naturwissenschaft Gegenstände, welche im Sinne eines Erklärungs-Modells erklärt weden können, und es gibt andere Gegenstände, über die lediglich "Vorhersagen" im Sinne einer Tendenz getroffen werden können. PRAKTISCH ist es so, dass in vielen Fällen die Erklärungsmodelle unter angebbaren Bedingungen zutreffen - womit man wiederum keine "Wahrheitstheorie" im Sinne einer Korrespondenztheorie verbinden muss - dass sich die Wissenschaften in der Forschung aber natürlich stets vor allem mit den Fällen beschäftigten, die Probleme bereiten; die Gegenstände einer Wissenschaft sind jedoch nicht nur die Gegenstände, welche gerade der Forschung Kopfzerbrechen bereiten.

Zitat:
2. Die Naturwissenschaften haben keinen nahezu fixen Gegenstand. Das Universum selber ist dynamisch. Und genau in diesem Bereichen hat auch die Physik ihre Schwierigkeiten. Die historische und zukünftige Entwicklung des Universums ist eine Frage die bis heute nicht geklärt ist. Oder die Biologie: Die Evolutionstheorie gibt Erklärungen ist aber nur sehr begrenzt zu Vorhersagen in der Lage.


Das hängt auch nur wieder davon ab, WELCHEN GEGENSTAND man sich hier heraussucht. Das Universum ist nun nicht gerade der kleinste Gegenstand und auch nicht der Gegenstand, den es täglich zu erforschen gilt. Normalerweise untersucht man "unter der Bedingung" des Universums und versucht nicht, das Universum selbst in die Erklärung - z.B. eines Genoms - mit einzubinden. In einem anderen Universum würden sich vielleicht ganz andere Gegenstände ausbilden, aber das kann man - wie gesagt - meist ausblenden, weil die Frage lediglich darauf zielt, wie sich der Gegenstand in diesem Universum verhält; folglich ist es nicht notwendig in die Erklärung des Genoms die Erklärung der Bewegung des Universums aufzunehmen.

Und unter "fixem Gegenstand" kann man auch mindestens zwei verschiedene Bedeutungen verstehen, wobei mE offensichtlich ist, welche Bedeutung gemeint ist. Man kann darunter erstens verstehen, dass ein Gegenstand sich überhaupt nicht bewegt. Aber das kann hier wohl nicht gemeint sein, denn selbst eine angestoßene Kugel, eine Zelle, nahezu jeder Gegenstand der Naturwissenschaft etc. bewegt sich. Damit kann mE in diesem Kontext nur gemeint sein, dass sich ein Gegenstand aufgrund eines bestimmten stabilen "Gesetzes" BEWEGT - man kann z.B. auch aufgrund von Beobachtungsdaten Theorien darüber formulieren bzw. simulieren, anhand welcher Bewegungsgesetze das Universum expandiert.
Der Unterschied zur Bewegung der Gesellschaft besteht dann darin, dass die Menschen und die Gesellschaft keinem Bewegungsgesetz folgen. "Vorhersagen" sind hier natürlich in einem begrenzten Rahmen und in einer begrenzten Zeit auch möglich. Aber die Vorhersage, wie schnell eine Kugel zu boden fällt, ist weitaus stabiler als die Vorhersage, welche Partei ein Land in 10, 100 oder 1000 Jahren wählt - alleine es wird in 1000 Jahren vielleicht keine "Demokratie" mehr geben, aber die Kugel wird immer noch mit der gleichen Geschwindigkeit fallen.

(Zur Argumentation insgesamt: Wenn man in einem Gespräch - wie es hier verläuft - generalisierend auf den Gegenstand Universum verweist, dann wird ausgeblendet, was der andere gesagt hat, um anhand eines Gegenstandes (Universum) eine Verallgemeinerung zu treffen, die der Aussage des anderen Sprechers entgegensteht, obwohl diese Verallgemeinerung überhaupt nicht zulässig ist, wenn man alle Gegenstände der Naturwissenschaften betrachtet.
Darüber hinaus ist es mE sinnvoll, zu zitieren, damit deutlich wird, worauf sich bestimmte Aussagen beziehen. Anhand deiner Punkte wird mE nicht immer deutlich, worauf du dich eigentlich beziehst.)

Beste Grüße,
Silver

Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 27.09.2009 14:25 von Silver.

23.09.2009 14:34
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Alexandre
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Beitrag: #6
RE: Kritik der Soziologie

@ADMIN: Bitte die beiden vorherigen Posts löschen. Danke!

Hallo Silver,

Zitat:
PRAKTISCH ist es so, dass in vielen Fällen die Erklärungsmodelle unter angebbaren Bedingungen zutreffen - womit man wiederum keine "Wahrheitstheorie" im Sinne einer Korrespondenztheorie verbinden muss


Ich habe lediglich gesagt:

Zitat:
Ziel ist es jedoch wahre Erklärungen zu erhalten.


Selbst Luhmann hat zugegeben, dass der binäre Code des Wissenschaftssystems wahr/unwahr lautet. Und Luhmann ist sicherlich kein Anhänger einer Korrespondenztheorie.
Wichtig ist für die Wissenschaft nur, dass zwei sich widersprechende Erklärungsmodelle, welche alle derzeitig relevanten Phänomene vorhersagen können (also unter angebbaren Bedingungen zutreffen) nicht gleichzeitig wahr sein können.
So traf das ptolemäische Erklärungsmodell unter angebbaren Bedingungen zu, d.h. es konnten Vorhersagen gemacht werden, welche dem kopernikanischen Erklärungsmodell in fast nichts nachstanden. Also PRAKTISCH kaum ein Unterschied. Noch krasser ist der Vergleich zwischen Tycho Brahes System und dem kopernikanischen System. Alle damals beobachtbaren Phänomene, die mit dem kopernikanischen System erklärt wurden, konnten auch mit Tycho Brahes System erklärt werden.
Die Wissenschaft gibt sich nicht mit Erklärungsmodellen zufrieden, welche die Phänomene vorhersagen können. Wissenschaft ist an der Wahrheit solcher Erklärungen interessiert.

Zitat:
man kann z.B. auch aufgrund von Beobachtungsdaten Theorien darüber formulieren bzw. simulieren, anhand welcher Bewegungsgesetze das Universum expandiert.


Zuerst werden die Theorien entwickelt und dann schauen die Wissenschaftler mithilfe der Theorie, welche Beobachtungsdaten vereinbar sind und welche nicht.

Zitat:
Der Unterschied zur Bewegung der Gesellschaft besteht dann darin, dass die Menschen und die Gesellschaft keinem Bewegungsgesetz folgen.


Woher willst du das wissen?

Zitat:
Aber die Vorhersage, wie schnell eine Kugel zu boden fällt, ist weitaus stabiler als die Vorhersage, welche Partei ein Land in 10, 100 oder 1000 Jahren wählt - alleine es wird in 1000 Jahren vielleicht keine "Demokratie" mehr geben, aber die Kugel wird immer noch mit der gleichen Geschwindigkeit fallen.


Aber die Kugel fällt nicht immer mit der gleichen Geschwindigkeit zur Erde. Unterschiedliche Randbedingungen (Gravitation, Strömung, Beschleunigung etc.) führen zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Kann der Wissenschaftler keine experimentelle Situation herstellen, in denen alle Störkräfte ausgeschaltet werden, dann ist nicht sichergestellt , dass die Kugel immer mit der gleichen Geschwindigkeit fällt. Aus den Beobachtungsdaten konnte Galileo Galilei nicht seine Fallgesetze herleiten. Empirische Regelmäßigkeiten sind nicht zwingend notwendig, um ein Gesetz formulieren zu können.
Es ist mir auch kein Beweis bekannt, welcher zeigt, dass es im Prinzip unmöglich ist vorherzusagen, wann welche Partei gewählt wird und ob die Demokratie verschwinden wird.

Zitat:
"Voraussagen" sind mE nur eingeschränkt möglich, da es die Soziologie nicht, wie die Naturwissenschaft, mit einem nahezu fixen Gegenstand zu tun hat, sondern mit einem Gegenstandsbereich, der sich andauernd verändert und der auf den Forscher selbst - abhängig vom Untersuchungsdesign - zu reagieren vermag.


Vorhersagen sind in der Physik auch nur eingeschränkt möglich. Die Unschärferelation der Quantenmechanik (z.B. Ort und Impuls sind nicht gleichzeitig, im Sinne mathematischer Zeit, beliebig genau messbar. Dabei ist zu beachten, dass konjugierte Operatoren der Unschärferelation gehorchen. Und dies ist eine inhärente Eigenschaft der Natur und nicht ein Scheitern unserer experimentellen Fähigkeiten.) beschränkt ebenfalls die Vorhersagemöglichkeit. Wohlgemerkt beschränkt die Vorhersage und macht sie nicht unmöglich.
Daher sehe ich das Unternehmen, die Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften anhand der Kategorie "eingeschränkte Voraussagen" zu unterscheiden, als gescheitert an.
P.S.: Was meinst du mit "nahezu fixem"? Also doch nicht fix?

Zu den Bewegungsgesetzen des Universums ist zu sagen, dass die Wissenschaftler bis heute darüber spekulieren. Desweiteren wird unter Physikern selbst die Möglichkeit erwogen, dass sich die Naturgesetze und Naturkonstanten verändern könnten. Diese Veränderung könnte selber einem Gesetz folgen. D.h. die Veränderung müsste nicht willkürlich sein. Siehe dazu folgenden Link:
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/...93279.html

Gruß,
Alexandre


"Wir müssen wissen,
wir werden wissen!"
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27.09.2009 17:21
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Silver
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Beitrag: #7
RE: Kritik der Soziologie

Hallo Alexandre,

Zitat:
Selbst Luhmann hat zugegeben, dass der binäre Code des Wissenschaftssystems wahr/unwahr lautet. Und Luhmann ist sicherlich kein Anhänger einer Korrespondenztheorie.
Wichtig ist für die Wissenschaft nur, dass zwei sich widersprechende Erklärungsmodelle, welche alle derzeitig relevanten Phänomene vorhersagen können (also unter angebbaren Bedingungen zutreffen) nicht gleichzeitig wahr sein können.
So traf das ptolemäische Erklärungsmodell unter angebbaren Bedingungen zu, d.h. es konnten Vorhersagen gemacht werden, welche dem kopernikanischen Erklärungsmodell in fast nichts nachstanden. Also PRAKTISCH kaum ein Unterschied. Noch krasser ist der Vergleich zwischen Tycho Brahes System und dem kopernikanischen System. Alle damals beobachtbaren Phänomene, die mit dem kopernikanischen System erklärt wurden, konnten auch mit Tycho Brahes System erklärt werden.
Die Wissenschaft gibt sich nicht mit Erklärungsmodellen zufrieden, welche die Phänomene vorhersagen können. Wissenschaft ist an der Wahrheit solcher Erklärungen interessiert.


Wenn Luhmann beobachtet, dass der Code des Wissenschaftssystems wahr/unwahr lautet, dann sagt das mE nicht viel über die Empirie im Wissenschaftssystem, sondern vielmehr alleine etwas über den binären Code der Systemtheorie aus. Hinter dem Wörtchen "wahr" können sich zahlreiche Wahrheitstheorien (Korrespondenztheorie, Kohärenztheorie, etc.) verbergen, das ist richtig, aber es gibt auch zahlreiche Skeptiker, die nicht von einer "wahren", sondern beispielsweise lediglich von einer "noch nicht falsifizierten" Theorie ausgehen, die nicht deshalb verifizierbar ist, weil sie noch nicht falsifiziert wurde. (Luhmann überhaupt irgendwie als Quelle in dieser Frage zu zitieren scheint mir vollkommen abwegig.)
Es ist nicht überhaupt nicht notwendig, dahingehend zu argumentieren, dass sich die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft darauf verständigt hat, dass ihren Theorien der Status "wahr" zukommt - weil es ganz einfach nicht den Tatsachen entspricht.

Einfache Beispiele der Physik werden gerne verwendet, um einen Sachverhalt zu beschreiben, wie du das hier vornimmst. Tatsächlich verhält es sich in anderen Wissenschaften und in der Physik anders. Kein Mensch verwendet heute mehr das Stadiengesetz von Comte und kein anderer Theoretiker hat versucht, diese Theorie in einer umfassendere zu integrieren. Viele Theorien erweisen sich nach einiger Zeit einfach als "gesichert falsch".
Schaue dich einfach in der Wissenschaftslandschaft um und du wirst sehen, dass zahlreiche Ergebnisse empirischer Studien nicht als "Wahrheiten" ausgegeben werden, vielmehr wird deutlich gemacht, dass der Studie xi z.B. ein explorativer, idealtypischer, etc. Charakter zukommt.

Zitat:
Zuerst werden die Theorien entwickelt und dann schauen die Wissenschaftler mithilfe der Theorie, welche Beobachtungsdaten vereinbar sind und welche nicht.


So stand es vor ca. 60 Jahren wirklich für einige Zeit in den Lehrbüchern. Ja. Aber heute geht doch fast niemand mehr von einer derartigen methodologischen Prämisse aus.
Es ist doch ganz offensichtlich, dass Theorien nicht im schwarzen Kämmerlein entwickelt werden. Theorien werden meist in Hinsicht auf empirische Beobachtungsdaten entwickelt und diese empirischen Beobachtungen werden wiederum in Hinsicht auf bestimmte theoretische Annahmen vorgenommen. Es gibt Forschungstypen - wie die grounded theory - welche diesen Zirkel ganz bewusst als methodologisches Grundprinzip anwenden. Aber auch andere Typen sind sich darüber bewusst, dass man den Entdeckungszusammenhang nicht (mehr) aus dem Forschungsprozess ausklammern kann.

Deine Aussage trifft ganz einfach nicht auf die tatsächliche Wissenschaft zu, sondern repräsentiert einen veralteten Lehrbuchsatz.

Zitat:
Woher willst du das wissen?


Dass die Gesellschaft keinem eindeutigen Bewegungsgesetz folgt, das sieht man mE an den Entwicklungen zahlreicher Gesellschaften; noch vor nicht all zu langer Zeit hatte man die Gelegenheit, Gesellschaften zu erforschen, die noch in einer Art lebten, wie es für andere Gesellschaften noch vor 2000-3000 Jahren üblich war.
Eine Gesellschaft entwickelt sich nicht nach einem Bewegungsgesetz etwa im Sinne des freien Falls. Diese von mir vorgenommene Aussage ist aus meiner Sicht keine "wahre" Aussage, aber es ist eine Aussage, die mit Beobachtungsdaten in Übereinstimmung steht und wir kennen keine Theorie, welche die Entwicklung aller Gesellschaften auf eine Formel zu bringen vermag.

Zitat:
Aber die Kugel fällt nicht immer mit der gleichen Geschwindigkeit zur Erde. Unterschiedliche Randbedingungen (Gravitation, Strömung, Beschleunigung etc.) führen zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Kann der Wissenschaftler keine experimentelle Situation herstellen, in denen alle Störkräfte ausgeschaltet werden, dann ist nicht sichergestellt , dass die Kugel immer mit der gleichen Geschwindigkeit fällt. Aus den Beobachtungsdaten konnte Galileo Galilei nicht seine Fallgesetze herleiten. Empirische Regelmäßigkeiten sind nicht zwingend notwendig, um ein Gesetz formulieren zu können.
Es ist mir auch kein Beweis bekannt, welcher zeigt, dass es im Prinzip unmöglich ist vorherzusagen, wann welche Partei gewählt wird und ob die Demokratie verschwinden wird.


Randbedingungen lassen sich in der Physik auch in der Empirie recht zuverlässig berechnen. Anders ist es nicht zu verstehen, dass wir von der Erde aus eine Sonde zum Mars senden können.
Niemand hat aber das bestritten, was du hier beschreibst - du schreibst in diesem Absatz an dem vorbei, was ich sagte.
Ich hatte nicht gesagt, dass es unmöglich ist, den Ausgang einer Wahl vorherzusagen. Du gibst hier meine Aussage vereinfacht und falsch wider. Ich hatte ein wichtiges Argument gebracht: dass es nicht möglich ist, den Wahlausgang in 100 Jahren vorherzusagen.
Und genau dieser ZEITVERGLEICH antwortet auch auf die Frage nach der relativen Stabilität, die du im nächsten Abschnitt stellst.

Zitat:
Vorhersagen sind in der Physik auch nur eingeschränkt möglich. Die Unschärferelation der Quantenmechanik (z.B. Ort und Impuls sind nicht gleichzeitig, im Sinne mathematischer Zeit, beliebig genau messbar. Dabei ist zu beachten, dass konjugierte Operatoren der Unschärferelation gehorchen. Und dies ist eine inhärente Eigenschaft der Natur und nicht ein Scheitern unserer experimentellen Fähigkeiten.) beschränkt ebenfalls die Vorhersagemöglichkeit. Wohlgemerkt beschränkt die Vorhersage und macht sie nicht unmöglich.
Daher sehe ich das Unternehmen, die Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften anhand der Kategorie "eingeschränkte Voraussagen" zu unterscheiden, als gescheitert an.
P.S.: Was meinst du mit "nahezu fixem"? Also doch nicht fix?


Du pickst dir hier wieder ein Beispiel heraus und zitierst auch nicht den Zusammenhang den ich beschrieben hatte. Natürlich gibt es in der Physik Fälle, in welchen Vorhersagen nicht möglich sind. Auch gibt es Theorien, die gerade von einer beschränkten Vorhersagemöglichkeit ausgehen. Dennoch gibt es in der Physik eine Palette von Phänomenen, die exakt beschrieben und vorhergesagt werden können.

Die physikalische Welt ist im Vergleich zur sozialen Welt zeitlich weitaus zuverlässiger vorhersagbar. Das liegt u.a. daran, dass es in der physikalischen Welt wesentlich einfacher ist, Zusammenhänge zu isolieren und experimentell zu erforschen.

Zitat:
Zu den Bewegungsgesetzen des Universums ist zu sagen, dass die Wissenschaftler bis heute darüber spekulieren. Desweiteren wird unter Physikern selbst die Möglichkeit erwogen, dass sich die Naturgesetze und Naturkonstanten verändern könnten. Diese Veränderung könnte selber einem Gesetz folgen. D.h. die Veränderung müsste nicht willkürlich sein. Siehe dazu folgenden Link:
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/...93279.html


Du argumentierst hier wieder genau so, wie du es zuvor getan hast.
Ich hatte hierauf schon einmal geantwortet:
"Das hängt auch nur wieder davon ab, WELCHEN GEGENSTAND man sich hier heraussucht. Das Universum ist nun nicht gerade der kleinste Gegenstand und auch nicht der Gegenstand, den es täglich zu erforschen gilt. Normalerweise untersucht man "unter der Bedingung" des Universums und versucht nicht, das Universum selbst in die Erklärung - z.B. eines Genoms - mit einzubinden. In einem anderen Universum würden sich vielleicht ganz andere Gegenstände ausbilden, aber das kann man - wie gesagt - meist ausblenden, weil die Frage lediglich darauf zielt, wie sich der Gegenstand in diesem Universum verhält; folglich ist es nicht notwendig in die Erklärung des Genoms die Erklärung der Bewegung des Universums aufzunehmen."

Du neigst (auch insgesamt) dazu, dir stets ein einziges Beispiel herauszusuchen, das irgendwie deine Position bestärkt, obwohl es sogar in diesem Fall aus diesem Gespräch hervorgeht, dass wir genau hierüber schon gesprochen hat.
Wenn du in deinem Antwortbeitrag genau das Argument wiederholst, das im vorigen Beitrag kritisiert wurde - und zwar in einer Weise, dass es nicht sinnvoll ist, für diese Aussage ausgerechnet das Universum auszuwählen, da dies nicht repräsentativ für "alle" Gegenstände ist - dann findet keine Kommunikation statt.

Beste Grüße,
Silver

16.10.2009 19:54
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Beitrag: #8
RE: Kritik der Soziologie

PS:

hier vielleicht noch ein erläuterndes Beispiel:

Die Geschichte der Physik hat dahin geführt, dass u.a. aus der Gravitationstheorie die Formel für den freien Fall abgeleitet werden kann. Diese Formel kann erweiterte werden, etwa um Luftwiderstand oder Reibung u.a. zu berücksichtigen. In der Praxis vermögen derartige Formeln recht zuverlässig eine Reihe von Ereignissen exakt vorherzusagen.

Diese Formel hätte auch vor 10.000 Jahren dazu dienen können, Ereignisse vorherzusagen. Und diese Formel würde prinzipiell auch noch dann zur Vorhersage von Ereignissen hinreichen, wenn die Erde explodieren sollte, denn das allgemeine Gesetz gilt auch auf dem Mond und anderen Planeten.

Die Physik hat zu einer großen Vielzahl derartiger Formeln geführt, die sich in der Praxis regelmäßig und exakt bewähren. Die Frage nach den Gesetzen des "gesamten Universums", etwa nach seiner "Evolution" mutet im Vergleich hierzu ungleich "metaphysisch" an.

In der Soziologie, das ist meine These, gibt es keine "Gesetze" dieser Art. Wer derartige Gesetze in der Soziologie kennt, der möge sie hier bitte vortragen.
Der "Gegenstandsbereich" der Physik - damit ist z.B. nicht die Bewegung der Dinge, sondern sind die Gesetze der Bewegungen gemeint - ist somit weitaus "stabiler" als der Gegenstandsbereich der Soziologie.

Das bedeutet nicht, dass die Soziologie eine "schlechtere" oder "unexaktere" Wissenschaft ist. Der Gegenstandsbereich der Soziologie ist lediglich durch eine vollkommen andere Gegebenheit des Gegenstandsbereiches ausgezeichnet. "Ergebnisse" der Forschung gelten zumeist für einen beschränkten Raum und eine beschränkte Zeit und sind nicht ÜBER DEN RAUM UND DIE ZEIT hinweg vollkommen verallgemeinerbar. Dies hat mE seine Ursache in der Beschaffenheit des Gegenstandsbereiches.

Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 18.10.2009 19:54 von Silver.

18.10.2009 18:08
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Beitrag: #9
RE: Kritik der Soziologie

Hallo Silver,


Zitat:
aber es gibt auch zahlreiche Skeptiker, die nicht von einer "wahren", sondern beispielsweise lediglich von einer "noch nicht falsifizierten" Theorie ausgehen


Aber es kann nur eine Theorie falsch sein, welche einen Anspruch auf Wahrheit erhebt. Eine Theorie, welche keinen Anspruch auf Wahrheit erhebt, kann auch nicht falsifiziert werden. Nach Popper muss eine erfahrungswissenschaftliche Theorie das Kriterium der Falsifizierbarkeit erfüllen und dies ist ein rein logisches Kriterium. Ein Naturwissenschaftler z.B. wird sich nun aber nicht damit zufrieden geben, zu wissen, ob eine Theorie logisch gesehen falsifizierbar ist. Er wird wissen wollen, ob sie wahr oder falsch ist. Nach Popper wird er also mithilfe von Experimenten und Beobachtungen Falsifizierungsversuche unternehmen. Wenn die Wissenschaftsgemeinschaft dann zum Ergebnis kommt, dass eine Theorie falsifiziert sei, d.h. dass sie falsch ist, dann sagen sie nichts anderes, als dass sie nicht wahr ist. Popper hat zugegeben, dass die Falsifikation einer Theorie niemals mit Sicherheit entschieden werden kann. Wie gesagt Popper hat am Wahrheitsbegriff festgehalten, siehe dazu auch LdF 11. Aufl. S.261 Fußnote Nr. 36.

Zitat:
Es ist nicht überhaupt nicht notwendig, dahingehend zu argumentieren, dass sich die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft darauf verständigt hat, dass ihren Theorien der Status "wahr" zukommt


Da hier eine Negation einer Negation vorliegt darf ich ersetzen zu: "Es ist notwendig, dahingehend zu argumentieren, dass sich die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft darauf verständigt hat, dass ihren Theorien der Status "wahr" zukommt"
Besser: "Es ist notwendig, dahingehend zu argumentieren, dass sich die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft darauf verständigt hat, dass ihre Theorien einen Anspruch auf Wahrheit erheben."
Da stimme ich dann zu. Denn ansonsten wären die heftigen Diskussionen um die Evolutionstheorie unverständlich. Die Evolutionstheorie beansprucht wahr zu sein. Die Gegner der Evolutionstheorie sagen über diese sie sei ja nur eine Hypothese oder sie sei nur eine Theorie. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Evolutionstheorie ja vielleicht noch eine nette Spekulation sei, aber ganz sicher sei sie nicht wahr. Und gerade dagegen gehen die meisten Evolutionstheoretiker an. Würde es hierbei nicht um die Wahrheit der Theorie gehen ist die Aufregung auf beiden Seiten gar nicht zu verstehen. Würde man keine Wahrheit beanspruchen könnte man nachgeben und in den Schulen lehren, dass die Evolutionstheorie nur eine Hypothese von vielen ist und es auch andere Hypothesen gibt wie die Schöpfung zum Beispiel.

Zitat:
Kein Mensch verwendet heute mehr das Stadiengesetz von Comte und kein anderer Theoretiker hat versucht, diese Theorie in einer umfassendere zu integrieren.


Erstens: Nur weil bisher niemand versucht hat eine bestimmte Theorie in eine umfassendere Theorie zu integrieren, zeigt dies noch nicht die Unmöglichkeit eines solchen Vorhabens auf.

Zweitens: Das Stadiengesetz von Comte ist doch gar keine Theorie, d.h. es verwendet keine theoretischen Gesetzmäßigkeiten. Darauf hat auch schon Durkheim hingewiesen und zwar vor über hundert Jahren, d.h. langsam sollten Soziologen das Wissen. Ich zitiere aus der Suhrkampausgabe von 'Die Regeln der soziologischen Methode', S. 199:

"Wie große Dienste auch Comte der Sozialphilosophie erwiesen hat, so sind doch die Begriffe, mit denen er das Problem der Soziologie zum Ausdruck bringt, von den vorgehenden nicht unterschieden. Auch sein berühmtes Gesetz von den drei Stadien hat nicht das Geringste von einer Kausalbeziehung an sich. Selbst wenn es exakt wäre, ist es nur empirisch und kann auch nicht mehr sein. Es ist ein summarischer Überblick über die verflossene Geschichte. Es ist durchaus willkürlich, wenn Comte das dritte Stadium als das endgültige Stadium der Menschheit betrachtete. Wer sagt uns denn, daß nicht ein neues Stadium daraus in Zukunft erstehen wird?"

Dazu Rene Königs Bemerkungen in der Einleitung zu Durkheims Werk, S. 39:

"Dieser Unterschied treibt wiederum den anderen zwischen bloßen empirischen Regelmäßigkeiten und theoretischen Gesetzmäßigkeiten hervor, der - speziell in Deutschland - meist nicht verstanden zu werden pflegt, während Durkheim darüber recht klar sah. Es ist übrigens von Interesse zu vermerken, daß typischerweise bereits der erste deutsche Übersetzer der "Regeln" die entscheidende Stelle falsch übersetzt. Schon im Jahre 1908 war also einem durchschnittlichen deutschen Soziologen dies wichtige Grundproblem der Wissenschaftslogik unklar(3)"

jetzt die Fußnote Nr.3, bei der die falsche deutsche Übersetzung wiedergegeben wird:

" 'Wie große Dienste auch Comte der sozialen Philosophie erwiesen hat, die Grenzen, welche er dem soziologischen Problem steckt, unterscheidet sich von den früheren nicht. Auch sein berühmtes Gesetz der drei Stadien hat nicht das Geringste von einer Kausalbeziehung an sich. Selbst wenn es exakt wäre, ist es nicht empirisch und kann es nicht sein. Es ist ein summarischer Überblick über die verflossene Geschichte.' Die kursiv gedruckten Sätze zeigen deutlich, daß der Übersetzer das Problem gar nicht verstanden hat, ganz zu schweigen von der geradezu hahnebüchen falschen Übersetzung."

Empirische Regelmäßigkeiten sind nun einmal nicht dasselbe wie theoretische Gesetzmäßigkeiten.

Zitat:
Viele Theorien erweisen sich nach einiger Zeit einfach als "gesichert falsch".


Gesichert falsch? Wo kommt denn jetzt die Sicherheit her? Die Wissenschaftsgemeinschaft ist davon überzeugt, dass eine Theorie falsch ist. Ich kenne aber keine Möglichkeit dies mit Sicherheit sagen zu können. Auch wenn wir nicht sicher sagen können, dass eine Theorie falsch ist, so macht es doch Sinn die Bewertung wahr und unwahr zu benutzen.

Zitat:
Schaue dich einfach in der Wissenschaftslandschaft um und du wirst sehen, dass zahlreiche Ergebnisse empirischer Studien nicht als "Wahrheiten" ausgegeben werden, vielmehr wird deutlich gemacht, dass der Studie xi z.B. ein explorativer, idealtypischer, etc. Charakter zukommt.


Die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse werden mit einem Anspruch auf Wahrheit publiziert, denn sonst gäbe es ganz schnell keine Forschungsgelder mehr. Es gibt nicht viele Geldgeber, denen es egal ist, ob die Ergebnisse wahr sind. Auch in der Soziologie werden viele Ergebnisse mit einem Wahrheitsanspruch publiziert. Wäre dem nicht so würden die Untersuchungen der empirischen Sozialforschung überhaupt nicht mehr ernst genommen.

Zitat:

Zitat:
Zuerst werden die Theorien entwickelt und dann schauen die Wissenschaftler mithilfe der Theorie, welche Beobachtungsdaten vereinbar sind und welche nicht.


So stand es vor ca. 60 Jahren wirklich für einige Zeit in den Lehrbüchern. Ja. Aber heute geht doch fast niemand mehr von einer derartigen methodologischen Prämisse aus.


meine Aussage war ja eine Antwort auf:

Zitat:

Zitat:
man kann z.B. auch aufgrund von Beobachtungsdaten Theorien darüber formulieren bzw. simulieren, anhand welcher Bewegungsgesetze das Universum expandiert.


Zuerst werden die Theorien entwickelt und dann schauen die Wissenschaftler mithilfe der Theorie, welche Beobachtungsdaten vereinbar sind und welche nicht.


Aber woher wissen denn die Wissenschaftler, dass das Universum expandiert? Die Physiker können nicht direkt die Expansion des Universums beobachten. Daher brauchen sie theoretische Annahmen, um im Lichte dieser Annahmen bestimmte Messungen wie z.B. die Rotverschiebung als ein Anzeichen für Expansion interpretieren zu können. Die theorieunabhängige Beobachtung gibt es nicht.
So arbeiten die Wissenschaftler, ob sie es zugeben wollen oder nicht.

Zitat:
Deine Aussage trifft ganz einfach nicht auf die tatsächliche Wissenschaft zu, sondern repräsentiert einen veralteten Lehrbuchsatz.


Wichtig ist nur darauf zu achten, wie die Wissenschaftler wirklich vorgehen, nicht was sie sagen wie sie vorgehen würden.

Zitat:
Ich hatte nicht gesagt, dass es unmöglich ist, den Ausgang einer Wahl vorherzusagen. Du gibst hier meine Aussage vereinfacht und falsch wider. Ich hatte ein wichtiges Argument gebracht: dass es nicht möglich ist, den Wahlausgang in 100 Jahren vorherzusagen.
Und genau dieser ZEITVERGLEICH antwortet auch auf die Frage nach der relativen Stabilität, die du im nächsten Abschnitt stellst.


Dass wir derzeit nicht in der Lage sind, den Wahlausgang in 100 Jahren vorherzusagen oder vorherzusagen, ob es Demokratie überhaupt noch gibt, ist kein Argument für eine prinzipielle Unmöglichkeit solcher Vorhersagen. Heute ist es den Meteorologen auch noch nicht möglich, das Wetter in 100 Jahren vorherzusagen. Dies ist jedoch kein Einwand, der dies prinzipiell für unmöglich erklärt. Die grundlegenden mathematischen Gleichungen für das Wetter sind ja deterministischer Natur. Es sind nur unsere praktischen Möglichkeiten, welche uns einschränken.

Zitat:
Dennoch gibt es in der Physik eine Palette von Phänomenen, die exakt beschrieben und vorhergesagt werden können.
Die physikalische Welt ist im Vergleich zur sozialen Welt zeitlich weitaus zuverlässiger vorhersagbar. Das liegt u.a. daran, dass es in der physikalischen Welt wesentlich einfacher ist, Zusammenhänge zu isolieren und experimentell zu erforschen.


Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Palette von Phänomenen, die 'exakt' beschrieben und vorhergesagt werden können nicht schon immer 'exakt' beschrieben und vorhergesagt werden konnten. Die Physik, wie wir sie heute kennen ist ja noch relativ jung. In der Antike beschränkten sich die Astrologen und Astronomen auf die scharfe Beobachtung und die genaue Aufzeichnung der Bewegungen der Himmelskörper. Sie schlossen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Aber erst eine Theorie wie die Newtonsche eröffnet ganz neue Möglichkeiten, z.B. zu erforschen, ob das Sonnensystem auch für alle Zukunft stabil ist. D.h. selbst empirische Unregelmäßigkeiten ließen sich damit erklären. Das ist die wahre Bedeutung der Newtonschen Theorie.

Wenn hier davon die Rede ist, es sei einfacher die Zusammenhänge in der physikalischen Welt zu isolieren und experimentell zu erforschen, dann fehlen mir einfach nur noch die Worte. Was sollen solche Aussagen angesichts des ungeheuren Aufwandes, den Wissenschaftler z.B. in CERN auf sich nehmen. Es ist sehr kompliziert so etwas wie den LHC zu bauen. Die Physiker haben einen langen und harten Weg hinter sich. Die Natur macht es ihnen wahrlich nicht leicht!

Ich verweise hier wieder auf Durkheims 'Die Regeln der soziologischen Methode', S. 206:
"Mill ist der Ansicht, das Experiment, sogar das indirekte, sei in der Soziologie nicht anwendbar. Doch verliert seine Argumentation einen großen Teil ihres Gewichts schon durch die Erwägung, daß er dasselbe von den biologischen Phänomenen, ja sogar von den komplexesten physikalisch-chemischen Tatsachen behauptet**[**System der deduktiven und induktiven Logik, Buch III]; nun braucht man heute nicht mehr nachzuweisen, daß die Chemie und Biologie nur als experimentelle Wissenschaften bestehen können. Es gibt also keinen Grund zur Annahme, daß seine Kritik in bezug auf die Soziologie besser begründet sei, denn die sozialen Phänomene unterscheiden sich von den oben erwähnten nur durch eine größere Kompliziertheit. Dieser Unterschied mag es mit sich bringen, daß die Anwendung des experimentellen Verfahrens in der Soziologie größere Schwierigkeiten bietet als in den anderen Wissenschaften; doch ist es nicht einzusehen, warum es hier durchaus unmöglich sein sollte."

Zitat:
Randbedingungen lassen sich in der Physik auch in der Empirie recht zuverlässig berechnen. Anders ist es nicht zu verstehen, dass wir von der Erde aus eine Sonde zum Mars senden können.


Technik ist nicht gleich Wissenschaft. Technisch konnten die Menschen so einiges bevor sie es berechnen konnten. Die Entwicklung des Fliegens und der Schiffahrt sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass wir nicht erst die wissenschaftlichen Erklärungen brauchen, um technische Leistungen vollbringen zu können. Technik basiert darauf, dass etwas funktioniert. Verstehen ist zwar schön aber nicht zwingend notwendig.

Zitat:
Wenn du in deinem Antwortbeitrag genau das Argument wiederholst, das im vorigen Beitrag kritisiert wurde - und zwar in einer Weise, dass es nicht sinnvoll ist, für diese Aussage ausgerechnet das Universum auszuwählen, da dies nicht repräsentativ für "alle" Gegenstände ist - dann findet keine Kommunikation statt.


Ich habe jetzt die Evolution und das Wetter in meine Argumentation eingebaut. Der freie Fall ist von der folgenden Argumentation unten auch betroffen, da er ein Grenzfall des Newtonschen Gravitationsgesetzes ist, wie du ja richtig angemerkt hast.

Zitat:
Die Geschichte der Physik hat dahin geführt, dass u.a. aus der Gravitationstheorie die Formel für den freien Fall abgeleitet werden kann. Diese Formel kann erweiterte werden, etwa um Luftwiderstand oder Reibung u.a. zu berücksichtigen. In der Praxis vermögen derartige Formeln recht zuverlässig eine Reihe von Ereignissen exakt vorherzusagen.

Diese Formel hätte auch vor 10.000 Jahren dazu dienen können, Ereignisse vorherzusagen. Und diese Formel würde prinzipiell auch noch dann zur Vorhersage von Ereignissen hinreichen, wenn die Erde explodieren sollte, denn das allgemeine Gesetz gilt auch auf dem Mond und anderen Planeten. ... "Ergebnisse" der Forschung gelten zumeist für einen beschränkten Raum und eine beschränkte Zeit und sind nicht ÜBER DEN RAUM UND DIE ZEIT hinweg vollkommen verallgemeinerbar. Dies hat mE seine Ursache in der Beschaffenheit des Gegenstandsbereiches.


Wenn wir der ART(Allgemeinen Relativitätstheorie) glauben dürfen, dann gilt das NG(Newtonsche Gravitationsgesetz) eben nicht immer und überall und ist damit auch nicht über den Raum und die Zeit hinweg vollkommen verallgemeinerbar. Daher gibt es Situationen, in denen das NG keine korrekten Vorhersagen liefert. Das NG ergibt sich als Grenzfall der ART bei hinreichend schwacher Raumzeitkrümmung, also wenn die Lichtgeschwindigkeit gegen Unendlich strebt. Das NG ist nicht mit der Gravitationskonstante G zu verwechseln. G wird innerhalb der ART benötigt, um zu zeigen, dass das NG sich als Grenzfall ergibt.

Wenn also das NG nicht über den Raum und die Zeit hinweg vollkommen verallgemeinerbar ist, warum wird es dann noch als Gesetz bezeichnet?
Weil für Physiker dieses Kriterium nicht so wichtig ist. Viel wichtiger ist, dass die ART angeben kann unter welchen speziellen Raum- und Zeitbedingungen das NG gilt, nähmlich bei hinreichend schwacher Raumzeitkrümmung. Können diese Bedingungen angegeben werden, dann neigen Physiker dazu solche Formeln als Gesetze zu bezeichnen, unabhängig davon, ob sie strenggenommen raumzeitlich immer und überall gelten.

Zitat:
Die Physik hat zu einer großen Vielzahl derartiger Formeln geführt, die sich in der Praxis regelmäßig und exakt bewähren. Die Frage nach den Gesetzen des "gesamten Universums", etwa nach seiner "Evolution" mutet im Vergleich hierzu ungleich "metaphysisch" an.


Die Frage nach den Gesetzen des Universums bzw. seiner Entwicklung mutet den Physikern nicht sehr metaphysisch an. Wenn dem wirklich so wäre, würden sie sich doch gar nicht damit beschäftigen oder? Warum beschäftigen sie sich dann mit der Entwicklung des Universums? Das bleibt mir dann schleierhaft.

Zitat:
In der Soziologie, das ist meine These, gibt es keine "Gesetze" dieser Art. Wer derartige Gesetze in der Soziologie kennt, der möge sie hier bitte vortragen.


Ja stimmt, es ist eine These, nicht mehr und nicht weniger. Und diese These wird nicht dadurch wahrer, dass man bisher noch keine Gesetze gefunden hat. Genau den gleichen Vorwurf hätte man vor tausenden von Jahren auch denen machen können (und hat man ihnen auch gemacht), die geglaubt haben es ließen sich Gesetze für die Natur finden, als diese noch gar nicht entdeckt worden waren. Wir sehen heute, dass das wohl verfrüht war.

Zitat:
Der "Gegenstandsbereich" der Physik - damit ist z.B. nicht die Bewegung der Dinge, sondern sind die Gesetze der Bewegungen gemeint - ist somit weitaus "stabiler" als der Gegenstandsbereich der Soziologie.


Stellt sich nur die Frage, warum der Gegenstandsbereich der Physik, also deiner Meinung nach die Gesetze der Physik, dann so spät gefunden wurden? Zudem ist der Gegenstandsbereich der Physik die Natur. Die Gesetze sollen uns helfen die Natur zu verstehen.

Zum Schluss noch ein Bekenntnis Durkheims aus 'Die Regeln der soziologischen Methode', dem ich mich nur anschließen kann:

"Wir glauben im Gegenteil, daß für die Soziologie der Moment gekommen ist, auf weltliche Erfolge zu verzichten und den esoterischen Charakter anzunehmen, der aller Wissenschaft zukommt. Sie wird dabei an Würde und Autorität gewinnen, was sie vielleicht an Popularität verliert."

So ist es!

Gruß,
Alexandre


"Wir müssen wissen,
wir werden wissen!"
-------------------
David Hilbert

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RE: Kritik der Soziologie

Hallo Alexandre,

ich möchte dir zurückmelden, dass ich mit deinem Beitrag im Rahmen des Dialoges nicht viel anfangen kann, auch wenn ich einige Abschnitte für sich genommen interessant bzw. informativ finde. Meines Erachtens gehst du ganz allgemein dazu über, bestimmte Sätze aus dem Argumentationskontext zu isolieren und verlierst die eigentliche dialogische Argumentation aus dem Blick, die ich jeweils als Antwort auf deinen Beitrag aufgebaut hatte.

So geht es von Beginn an los:

Zitat:

Zitat:
aber es gibt auch zahlreiche Skeptiker, die nicht von einer "wahren", sondern beispielsweise lediglich von einer "noch nicht falsifizierten" Theorie ausgehen


Aber es kann nur eine Theorie falsch sein, welche einen Anspruch auf Wahrheit erhebt. Eine Theorie, welche keinen Anspruch auf Wahrheit erhebt, kann auch nicht falsifiziert werden. Nach Popper muss eine erfahrungswissenschaftliche Theorie das Kriterium der Falsifizierbarkeit erfüllen und dies ist ein rein logisches Kriterium. Ein Naturwissenschaftler z.B. wird sich nun aber nicht damit zufrieden geben, zu wissen, ob eine Theorie logisch gesehen falsifizierbar ist. Er wird wissen wollen, ob sie wahr oder falsch ist. Nach Popper wird er also mithilfe von Experimenten und Beobachtungen Falsifizierungsversuche unternehmen. Wenn die Wissenschaftsgemeinschaft dann zum Ergebnis kommt, dass eine Theorie falsifiziert sei, d.h. dass sie falsch ist, dann sagen sie nichts anderes, als dass sie nicht wahr ist. Popper hat zugegeben, dass die Falsifikation einer Theorie niemals mit Sicherheit entschieden werden kann. Wie gesagt Popper hat am Wahrheitsbegriff festgehalten, siehe dazu auch LdF 11. Aufl. S.261 Fußnote Nr. 36.


Ich habe, wie selbst in dem von dir zitierten Satz ganz deutlich ersichtlich ist, nicht geschrieben, dass Popper den Wahrheitsbegriff vollkommen aufgeben hat. Darüber hinaus: Popper hält am Wahrheitsbegriff als eine Art Leitbegriff oder "Idee" - ähnlich wie Peirce - einerseits fest, andererseits geht er aber nicht davon aus, dass Wahrheit jemals erreicht wird, weshalb er auch nicht von einer "wahren" Theorie spricht - und das war unser Thema - vielmehr spricht er von einer lediglich "wahrscheinlichen " "Annäherung", von einer "relativen Wahrheitsnähe", wenn es gilt, die Erkärungskraft von mindestens zwei Theorien zu vergleichen. (Vgl. Neuer Anhang XV., 10. Auflage.) Selbst wenn ich von Popper gesprochen hätte, dann hättest du also an meinem Argument vorbeigeschrieben.
Da ich aber überhaupt nicht von Popper gesprochen habe, so schreibst du an dem von mir Ausgesagten vorbei. Ich habe von modernen und gegenwärtigen "Skeptikern" gesprochen, die dir eventuell nicht bekannt sind, und Popper war kein Skeptiker, vielmehr hat er später den Gedanken der Welt3 entwickelt und hielt er durchaus an der Idee der Wahrheit als relative Annährung fest.
Es macht - und dies betrifft nun wieder unser Thema - durchaus Sinn an dem Kriterium "Falsifizierbarkeit" festzuhalten, ohne den Anspruch zu erheben, dass eine noch nicht falsifizierte Theorie "wahr" ist. Falsifiziert wird in diesem Sinne nicht die Wahrheit, sondern die Leistungsfähigkeit. "Falsifizierbarkeit" dient hierbei als ein Kriterienkatalog, den eine Theorie erfüllt oder nicht erfüllt - die Wahrheitsfrage wird hierdurch nicht berührt.

Du hast folglich 1. einen Satz isoliert zitiert und dann 2. an diesem Satz anhand deiner Antwort vorbeigeschrieben, denn von Popper hatte ich dort nicht gesprochen, und 3. deinem durchaus schön und "in sich" durchdacht geschriebenen Absatz hierdurch den Anschein von Gegenargument verliehen.

(Bitte poste hier nun keine Zitate von Popper, in welcher er irgendwie sagte, dass die Wissenschaftler nach kreativer Wahrheit suchen sollten. Dies ginge vollkommen an meinem Argument vorbei, da ich überhaupt nicht von Popper sprach.)

Alexandre schrieb:
"Es ist notwendig, dahingehend zu argumentieren, dass sich die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft darauf verständigt hat, dass ihre Theorien einen Anspruch auf Wahrheit erheben."

Da stimme ich dann zu. Denn ansonsten wären die heftigen Diskussionen um die Evolutionstheorie unverständlich. Die Evolutionstheorie beansprucht wahr zu sein. Die Gegner der Evolutionstheorie sagen über diese sie sei ja nur eine Hypothese oder sie sei nur eine Theorie. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Evolutionstheorie ja vielleicht noch eine nette Spekulation sei, aber ganz sicher sei sie nicht wahr. Und gerade dagegen gehen die meisten Evolutionstheoretiker an. Würde es hierbei nicht um die Wahrheit der Theorie gehen ist die Aufregung auf beiden Seiten gar nicht zu verstehen. Würde man keine Wahrheit beanspruchen könnte man nachgeben und in den Schulen lehren, dass die Evolutionstheorie nur eine Hypothese von vielen ist und es auch andere Hypothesen gibt wie die Schöpfung zum Beispiel.

Es ist mE absurd, aufgrund dieses einen Beispiels deinen Schluss zu ziehen. Lustigerweise ist es ja z.B. auch das Induktionsproblem von 1 auf n, das hier in deinem Argument scheitert, das aber auch wissenschaftsgeschichtlich als Programm der Verifikation des logischen Positivismus scheiterte.
Weder dein Bezug auf Luhmanns Wahrheits-Code des Funktionssystems Wissenschaft, noch dieses eine Beispiele können in der Weise verallgemeinert werden, wie du das hier vornimmst.
Es ist vollkommen ausreichend und entspricht auch der wirklichen Wissenschaftspraxis, wenn man sagt, dass wissenschaftliche Forschung und Ergebnisse wissenschaftlichen Kriterien entsprechen müssen. Diese sind, wenn man sich konkret die Ergebnisse der Forschung ansieht, oft sehr, sehr unterschiedlich.

Zitat:
Erstens: Nur weil bisher niemand versucht hat eine bestimmte Theorie in eine umfassendere Theorie zu integrieren, zeigt dies noch nicht die Unmöglichkeit eines solchen Vorhabens auf.


Diese Verallgemeinerung trifft ebenfalls überhaupt nicht das konkrete Beispiel. In diesem konkreten Fall hatte ich Comtes Stadien-Gesetz angesprochen. Heute - und das ist entscheidend - würde niemand mehr versuchen, diese Theorie irgendwie in eine größere Theorie zu integrieren.

Zitat:
Zweitens: Das Stadiengesetz von Comte ist doch gar keine Theorie, d.h. es verwendet keine theoretischen Gesetzmäßigkeiten. Darauf hat auch schon Durkheim hingewiesen und zwar vor über hundert Jahren, d.h. langsam sollten Soziologen das Wissen. Ich zitiere aus der Suhrkampausgabe von 'Die Regeln der soziologischen Methode', S. 199:

"Wie große Dienste auch Comte der Sozialphilosophie erwiesen hat, so sind doch die Begriffe, mit denen er das Problem der Soziologie zum Ausdruck bringt, von den vorgehenden nicht unterschieden. Auch sein berühmtes Gesetz von den drei Stadien hat nicht das Geringste von einer Kausalbeziehung an sich. Selbst wenn es exakt wäre, ist es nur empirisch und kann auch nicht mehr sein. Es ist ein summarischer Überblick über die verflossene Geschichte. Es ist durchaus willkürlich, wenn Comte das dritte Stadium als das endgültige Stadium der Menschheit betrachtete. Wer sagt uns denn, daß nicht ein neues Stadium daraus in Zukunft erstehen wird?"
Dazu Rene Königs Bemerkungen in der Einleitung zu Durkheims Werk, S. 39:


Du verwendest hier einfach irgendeinen Theoriebegriff und zitierst dann Durkheim, der sich auf den Kausalbegriff bezieht. Du solltest mittlerweile wissen, dass die Soziologie keinen methodologischen Monismus mit den Naturwissenschaften eingegangen ist, sondern sich im Rahmen der Soziologie zahlreiche Theorie-Begriffe etabliert haben. Der "kleinste Nenner" ist hierbei wohl, dass eine Theorie schon dann vorliegt, wenn anhand von Begriffen empirische Aussagen getätigt werden. Irgendwelche Verweise, den Theorie-Begriff in der Soziologie auf Gesetze oder Kausalität oder sonst einen derartigen Begriff, festzulegen, sind vollkommen unnötig.

(Und übrigens ist es bis heute noch nicht gelungen, in den Sozialwissenschaften eine exakte Bestimmung des Kausalitätsbegriffes vorzunehmen: vielmehr werden gerade in dem Zweig, den Durkheim mit begründet hat, KORRELATIONEN gemessen und wird dann anhand von Theorien auf Kausalität geschlossen, wobei stets das prinzipiell unlösbare, lediglich minimierbare Drittvariablenproblem mitgeschleppt wird.)

Interessanterweise widersprichst du dir mit deinen beiden Abschnitten auch selbst. Im Beitrag zuvor argumentierst du noch sehr allgemein, so dass es möglich scheint, dass man Comtes Theorie vielleicht heute doch noch integrieren könnte. Nun argumentierst du, dass hier gar keine Theorie vorliegt und dass diese auch keine exakten, sondern nur verschwommene Aussagen über die Vergangenheit beinhalte.
Selbst wenn ich deiner Argumentation folge, dann kann ich leicht sagen, dass genau die Wissenschaftsentwicklung seit Comte dahin geführt hat, dass das, was Comte formulierte, nicht mehr als Theorie angesehen wird und DESHALB auch nicht mehr integrierbar ist - auch wenn man dann mit diesem Argument vernachlässigen würde, dass sich niemand in der Soziologie auf EINEN Theorie-Begriff geeinigt hat.

Zitat:
Gesichert falsch? Wo kommt denn jetzt die Sicherheit her? Die Wissenschaftsgemeinschaft ist davon überzeugt, dass eine Theorie falsch ist. Ich kenne aber keine Möglichkeit dies mit Sicherheit sagen zu können. Auch wenn wir nicht sicher sagen können, dass eine Theorie falsch ist, so macht es doch Sinn die Bewertung wahr und unwahr zu benutzen.


Das ist erneut lustig. Einerseits möchtest du proklamieren, dass die gesamte Wissenschaft und damit auch die Soziologie - wahrscheinlich genauso wie du - am Wahrheitsbegriff festhält und möchtest du (persönlich) am Begriff "wahr" und "unwahr" festhalten. :-)
Andererseits beginnst du sofort zu kritisieren, wenn ich "gesichert falsch" schreibe. Es ist doch vollkommen klar, was ich hier mit gesichert MEINE: gesichert meine ich in Hinsicht auf KRITERIEN, die historisch kontingent sind.

Zitat:
Die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse werden mit einem Anspruch auf Wahrheit publiziert, denn sonst gäbe es ganz schnell keine Forschungsgelder mehr. Es gibt nicht viele Geldgeber, denen es egal ist, ob die Ergebnisse wahr sind. Auch in der Soziologie werden viele Ergebnisse mit einem Wahrheitsanspruch publiziert. Wäre dem nicht so würden die Untersuchungen der empirischen Sozialforschung überhaupt nicht mehr ernst genommen.


Dann scheinst du vollkommen andere wissenschaftliche Ergebnisse und Forschungsprozesse in der Soziologie zu kennen als ich. Alles, was nichts mit "Wahrheit" zu tun hat, scheint für dich irgendwie keinen Wert zu haben. Das ist aber alleine deine Sicht.
Wie könnte denn irgendeine empirische Studie, die beispielsweise 1000 Menschen im Sinne einer "repräsentativen" Studie befragt, den Anspruch auf Wahrheit erheben? :-) "repräsentativ" fungiert hier doch lediglich als wissenschaftliches Kriterium. Das ist alles.
Derartige Theorien über Kausalverhältnisse werden fast immer als bewusst konstruierte Vereinfachungen für bestimmte Forschungszwecke verstanden. Niemand würde sagen, dass eine Milieustudie, die anhand von 10.000 Befragungen Milieus für Deutschland bestimmt, Wahrheit abbildet oder aufzeigt, da ganz klar ist, dass dieses Modell für keine einzige Region in Deutschland wirklich "wahr" ist.

Zitat:

Zitat:
[quote]Zuerst werden die Theorien entwickelt und dann schauen die Wissenschaftler mithilfe der Theorie, welche Beobachtungsdaten vereinbar sind und welche nicht.


So stand es vor ca. 60 Jahren wirklich für einige Zeit in den Lehrbüchern. Ja. Aber heute geht doch fast niemand mehr von einer derartigen methodologischen Prämisse aus.


meine Aussage war ja eine Antwort auf:

Zitat:

Zitat:
man kann z.B. auch aufgrund von Beobachtungsdaten Theorien darüber formulieren bzw. simulieren, anhand welcher Bewegungsgesetze das Universum expandiert.


Zuerst werden die Theorien entwickelt und dann schauen die Wissenschaftler mithilfe der Theorie, welche Beobachtungsdaten vereinbar sind und welche nicht.


Aber woher wissen denn die Wissenschaftler, dass das Universum expandiert? Die Physiker können nicht direkt die Expansion des Universums beobachten. Daher brauchen sie theoretische Annahmen, um im Lichte dieser Annahmen bestimmte Messungen wie z.B. die Rotverschiebung als ein Anzeichen für Expansion interpretieren zu können. Die theorieunabhängige Beobachtung gibt es nicht.
So arbeiten die Wissenschaftler, ob sie es zugeben wollen oder nicht.



Ich habe nicht von einer direkten Beobachtung gesprochen, sondern von Beobachtungsdaten.
Es besteht hier doch ein viel komplexeres Verhältnis als du es hier extrem vereinfacht darstellst. Jeder Forscher wächst zunächst in einer Gesellschaft und dann in einer Forschergemeinschaft auf und kennt deshalb schon immer irgendwelche Theorien und auch Beobachtungsinformationen. Jede Beobachtung kann überhaupt nicht ohne Theorien vorgenommen werden, wenn man hier exakte Maßstäbe anlegt. Das hat doch die Protokollsatzdebatte eindeutig gezeigt. http://de.wikipedia.org/wiki/Protokollsatzdebatte
Letztlich hat sich hier Neuraths Position durchgesetzt. Und ebenso gilt auch ein Wechselverhältnis von früheren Theorien, Beobachtungsdaten und neuren Theorien.
Wie sollte denn jemand in seinem stillen, dunklen Kämmerlein vollkommen losgelöst von jeder Empirie irgendeine Theorie entwickeln und dann die Behauptung aufstellen, - an der du festhalten möchtest - dass diese Theorie WAHR ist, wenn er überhaupt keine Daten kennt. Wie sollte er zu irgendeiner THEORIEANNAHME kommen, wenn er überhaupt keine ANSCHAUUNG hat. Man muss hier nur an Kant denken: "Gedanken ohne Inhalt sind leer und Anschauungen ohne Begriffe sind blind."

Theorien und Beobachtungen stehen in einem Wechselverhältnis und die Aussage, dass Wissenschaftler zunächst Theorien entwerfen und erst dann an Daten herantreten ist ganz eindeutig unhaltbar.
Diese „Vorstellung“ ist schlichtweg intellektualistisch und offensichtlich realitätsfern.

Zitat:
Dass wir derzeit nicht in der Lage sind, den Wahlausgang in 100 Jahren vorherzusagen oder vorherzusagen, ob es Demokratie überhaupt noch gibt, ist kein Argument für eine prinzipielle Unmöglichkeit solcher Vorhersagen. Heute ist es den Meteorologen auch noch nicht möglich, das Wetter in 100 Jahren vorherzusagen. Dies ist jedoch kein Einwand, der dies prinzipiell für unmöglich erklärt.
Die grundlegenden mathematischen Gleichungen für das Wetter sind ja deterministischer Natur. Es sind nur unsere praktischen Möglichkeiten, welche uns einschränken.


Das ist mE ebenfalls nicht haltbar. Du gehst hier einfach davon aus, was "prinzipiell" möglich ist. Prinzipiell ist auch möglich, dass morgen Außerirdische auf der Erde landen und dich entführen. Prinzipiell ist auch möglich, dass morgen ein Mensch 1.000.000 Dollar wettet, dass das noch nicht geborene Enkelkind von Obama in 100 Jahren Präsident wird. Derartige Aussagen, wie du sie hier vornimmst, machen nichts anderes, als dass sie irgendwelche Möglichkeiten offen halten, die in der Gegenwart jedoch vollkommen unergiebig und unsinnig erscheinen. Ein wirkliches Argument ist dies nicht.

Du verlierst auch, wie in fast all deinen Abschnitten, vollkommen das eigentliche Argument aus den Augen, um das es hier ging, da du zumeist lediglich irgend welche Aussagen aus dem Kontext reißt und diese kommentierst, aber nie auf das eigentliche Argument eingehst.

Zitat:
Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Palette von Phänomenen, die 'exakt' beschrieben und vorhergesagt werden können nicht schon immer 'exakt' beschrieben und vorhergesagt werden konnten. Die Physik, wie wir sie heute kennen ist ja noch relativ jung. In der Antike beschränkten sich die Astrologen und Astronomen auf die scharfe Beobachtung und die genaue Aufzeichnung der Bewegungen der Himmelskörper. Sie schlossen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Aber erst eine Theorie wie die Newtonsche eröffnet ganz neue Möglichkeiten, z.B. zu erforschen, ob das Sonnensystem auch für alle Zukunft stabil ist. D.h. selbst empirische Unregelmäßigkeiten ließen sich damit erklären. Das ist die wahre Bedeutung der Newtonschen Theorie.

Wenn hier davon die Rede ist, es sei einfacher die Zusammenhänge in der physikalischen Welt zu isolieren und experimentell zu erforschen, dann fehlen mir einfach nur noch die Worte. Was sollen solche Aussagen angesichts des ungeheuren Aufwandes, den Wissenschaftler z.B. in CERN auf sich nehmen. Es ist sehr kompliziert so etwas wie den LHC zu bauen. Die Physiker haben einen langen und harten Weg hinter sich. Die Natur macht es ihnen wahrlich nicht leicht!


Das Argument ist mE "leer". Die Fortschritte in der Naturwissenschaft basieren auf der Anwendung des "Experiments". Und dies ist eine historische Erscheinung. Das ist richtig. Aber niemand hat doch das Experiment alleine für die Naturwissenschaften entworfen.
Gerade das Experiment zeigt doch, wie viel einfacher es ist, in den Naturwissenschaften ein Experiment durchzuführen als in den Sozialwissenschaften.

Zitat:
Ich verweise hier wieder auf Durkheims 'Die Regeln der soziologischen Methode', S. 206:
"Mill ist der Ansicht, das Experiment, sogar das indirekte, sei in der Soziologie nicht anwendbar. Doch verliert seine Argumentation einen großen Teil ihres Gewichts schon durch die Erwägung, daß er dasselbe von den biologischen Phänomenen, ja sogar von den komplexesten physikalisch-chemischen Tatsachen behauptet**[**System der deduktiven und induktiven Logik, Buch III]; nun braucht man heute nicht mehr nachzuweisen, daß die Chemie und Biologie nur als experimentelle Wissenschaften bestehen können. Es gibt also keinen Grund zur Annahme, daß seine Kritik in bezug auf die Soziologie besser begründet sei, denn die sozialen Phänomene unterscheiden sich von den oben erwähnten nur durch eine größere Kompliziertheit. Dieser Unterschied mag es mit sich bringen, daß die Anwendung des experimentellen Verfahrens in der Soziologie größere Schwierigkeiten bietet als in den anderen Wissenschaften; doch ist es nicht einzusehen, warum es hier durchaus unmöglich sein sollte."


Mir ist wirklich vollkommen unerklärlich, weshalb du immer wieder Durkheim zitierst. Ich hatte damals während meines Studiums im 2. oder 3. Semester ein Durkheim-Seminar besucht und ein Semester lang wirklich JEDES Durkheim-Buch gelesen. Ich kenne die "Regeln" fast auswendig. Und ich halte dieses Buch für absolut veraltet. Wenn Durkheim sagt, dass Mill Unrecht hat, dann ist das doch überhaupt kein ARGUMENT und auch keine AUTORITÄT. Durkheims HOFFNUNG war, dass man die Kausalmethode in der Soziologie anwenden könnte, dass Soziologie als "PHYSIK der SITTEN" - so der Titel einer frühen VEröffentlichung - betrieben werden kann.
Wenn du ANHÄNGER dieser Idee bist, dann sei dir bewusst, dass du mit dieser Idee recht alleine in der Wissenschaftslandschaft der Soziologie da stehst. Sei dir bewusst, dass du lediglich versuchst, einen methodologischen Monismus zu vertreten, indem du einfach die naturwissenschaftliche Hoffnung auf die Soziologie überträgst.


Zitat:

Zitat:
Randbedingungen lassen sich in der Physik auch in der Empirie recht zuverlässig berechnen. Anders ist es nicht zu verstehen, dass wir von der Erde aus eine Sonde zum Mars senden können.


Technik ist nicht gleich Wissenschaft. Technisch konnten die Menschen so einiges bevor sie es berechnen konnten. Die Entwicklung des Fliegens und der Schiffahrt sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass wir nicht erst die wissenschaftlichen Erklärungen brauchen, um technische Leistungen vollbringen zu können. Technik basiert darauf, dass etwas funktioniert. Verstehen ist zwar schön aber nicht zwingend notwendig.


Das ist wieder vollkommen an meinem Argument vorbeigeschrieben. GEMEINT waren natürlichen TECHNIKEN, die lediglich aufgrund naturwissenschaftlicher ERKENNTNISSE möglich sind.
Wenn du mir erzählst, dass es auch Techniken ohne wissenschaftliche Erkenntnisse gab, dann hat das wieder - wie so oft - überhaupt nichts mit dem eigentlichen Argument zu tun.



Zitat:
Wenn wir der ART(Allgemeinen Relativitätstheorie) glauben dürfen, dann gilt das NG(Newtonsche Gravitationsgesetz) eben nicht immer und überall und ist damit auch nicht über den Raum und die Zeit hinweg vollkommen verallgemeinerbar. Daher gibt es Situationen, in denen das NG keine korrekten Vorhersagen liefert. Das NG ergibt sich als Grenzfall der ART bei hinreichend schwacher Raumzeitkrümmung, also wenn die Lichtgeschwindigkeit gegen Unendlich strebt. Das NG ist nicht mit der Gravitationskonstante G zu verwechseln. G wird innerhalb der ART benötigt, um zu zeigen, dass das NG sich als Grenzfall ergibt.

Wenn also das NG nicht über den Raum und die Zeit hinweg vollkommen verallgemeinerbar ist, warum wird es dann noch als Gesetz bezeichnet?
Weil für Physiker dieses Kriterium nicht so wichtig ist. Viel wichtiger ist, dass die ART angeben kann unter welchen speziellen Raum- und Zeitbedingungen das NG gilt, nähmlich bei hinreichend schwacher Raumzeitkrümmung. Können diese Bedingungen angegeben werden, dann neigen Physiker dazu solche Formeln als Gesetze zu bezeichnen, unabhängig davon, ob sie strenggenommen raumzeitlich immer und überall gelten.


Gut, es ist ja prima, wenn du dies präzisieren kannst. Aber was bedeuten deine Aussagen nun eigentlich in diesem Argumentationszusammenhang?
Ich hatte meine Argumentation dahin geführt, dass die Theorien in der Physik verallgemeinerbarer als in der Soziologie sind. Du präzisierst nun, dass "das NG sich als Grenzfall der ART bei hinreichend schwacher Raumzeitkrümmung ergibt, also wenn die Lichtgeschwindigkeit gegen Unendlich strebt."
Deine Aussage präzisiert zwar meine falsche Verallgemeinerung der NG, aber im Rahmen des Argumentes bestätigst du mir doch nur, dass das ART letztlich Aussagen über diesen größeren Verallgemeinerungsbereich, in dem das NG lediglich einen Grenzfall darstellt, fasst. Ich hätte mich also auf das ART beziehen müssen - das sagt mir dein Argument, das mich hierdurch bestätigt.


Zitat:
Die Frage nach den Gesetzen des Universums bzw. seiner Entwicklung mutet den Physikern nicht sehr metaphysisch an. Wenn dem wirklich so wäre, würden sie sich doch gar nicht damit beschäftigen oder? Warum beschäftigen sie sich dann mit der Entwicklung des Universums? Das bleibt mir dann schleierhaft.


Da du an der Fiktion der Wahrheit, dem Ideal Durkheims, am Ideal der Kausalität und Determiniertheit der Prozesse und wahrscheinlich auch vom Hempel-Oppenheim-Schema als Erklärungsgrundlage ausgehst, ist dir natürlich das Wörtchen "metaphysisch" suspekt.
Dass JEDE Wissenschaft theoretisch, methodologisch und methodisch zumindest IMPLIZIT metaphysische Annahmen hinsichtlich der Erkenntnis der Wirklichkeit (Epistemologie) und der Beschaffenheit der Wirklichkeit (Ontologie) vornimmt, scheint dir nicht bewusst zu sein. Du möchtest mir anhand der Schriften Durkheims aus dem 19./20. Jahrhundert zeigen, wie ich einen Theorie-Begriff zu verstehen habe, aber du bist dir nicht dieser wissenschaftstheoretischen TATSACHEN bewusst.
-> Jeder Wissenschaftler beschäftigt sich aufgrund zumindest impliziter metaphysischer Annahmen mit seinem Gegenstand.
Und wenn Physiker, die sich mit der Entwicklung des Universums beschäftigen, (Modell)Annahmen über den Urknall vornehmen, dann wird hierdurch doch ebenfalls ein im Grunde metaphysischer theoretischer Rahmen konstituiert, auch wenn das den Physikern nicht bewusst sein sollte.

Zitat:
Ja stimmt, es ist eine These, nicht mehr und nicht weniger. Und diese These wird nicht dadurch wahrer, dass man bisher noch keine Gesetze gefunden hat. Genau den gleichen Vorwurf hätte man vor tausenden von Jahren auch denen machen können (und hat man ihnen auch gemacht), die geglaubt haben es ließen sich Gesetze für die Natur finden, als diese noch gar nicht entdeckt worden waren. Wir sehen heute, dass das wohl verfrüht war.


Unsere Diskussion findet nun einmal in der Gegenwart und nicht vor und nicht in 1000 Jahren statt. Wenn du an Durkheim, den methodologischen Monismus und Determiniertheit GLAUBST, dann tue dies. Aber bitte sei dir bewusst, dass die gegenwärtige Soziologie NICHT GESCHLOSSEN HINTER DEINEM GLAUBEN steht.
Aussage, dass es PRINZIPIELL in 100 Jahren anders sein wird, ändern nichts an der Gegenwart, sondern erschaffen lediglich MÖglichkeiten in der/deiner Vorstellungswelt.

Zitat:
Stellt sich nur die Frage, warum der Gegenstandsbereich der Physik, also deiner Meinung nach die Gesetze der Physik, dann so spät gefunden wurden? Zudem ist der Gegenstandsbereich der Physik die Natur. Die Gesetze sollen uns helfen die Natur zu verstehen.


Die Gesetzt der Physik wurden erst so spät gefunden, da erst zu diesem Zeitpunkt verschiedene gesellschaftliche Wandlungen stattfanden. Einerseits war die Abkehr von einem strengen Theismus wichtig, der ja manchen Physiker während ihres Lebens "die Hölle heiß machte". Dann war das "Experiment" als methodologisches Paradigma entscheidend. Die neuzeitliche Entwicklung der Mathematik war sicherlich auch wichtig. Und zahlreiche Entwicklungen mehr.

Hast du die "NATUR" schon einmal gesehen? Gibt es "DIE NATUR"? Ist das kein recht naiver Begriffsrealismus á la Durkheim ? - der in der Gegenwart stark kritisiert wird. (Vgl. "Neue Entwicklungen der soziologischen Theorie" von Andreas Balog)
Dann stellt sich natürlich sofort die Frage, wenn man diesen naiven Realismus teilt, wie sich der Gegenstandsbereich NATUR von dem Gegenstandsbereich beispielsweise der Chemie und der Biochemie unterscheidet?
Es ist doch eher eine Lehre, die wir aus der SCHULE kennen, dass sich die Physik mit den unbelebten Gegenständen beschäftigt - man denke nur an die Expansion des Weltalls, stellare Löcher, dunkle Materie, etc..

Wenn ich sagte, dass mit dem Gegenstand die Gesetze gemeint sind, dann drückte ich mich nicht präzise aus - das ist richtig. GEMEINT war jedoch, das worauf sich diese Gesetze beziehen: und dies ist mE nicht "DIE NATUR".

Zitat:
Zum Schluss noch ein Bekenntnis Durkheims aus 'Die Regeln der soziologischen Methode', dem ich mich nur anschließen kann:

"Wir glauben im Gegenteil, daß für die Soziologie der Moment gekommen ist, auf weltliche Erfolge zu verzichten und den esoterischen Charakter anzunehmen, der aller Wissenschaft zukommt. Sie wird dabei an Würde und Autorität gewinnen, was sie vielleicht an Popularität verliert."

So ist es!


gut, Alexandre. Ich hoffe, dass du mit deinem Durkheim-Bekenntnis und deiner Esoterik weit kommen wirst. Wundere dich nicht, wenn du nicht immer auf Begeisterung stoßen wirst.

Ich kann dir hier nur noch einmal sagen, dass ich fast immer den Eindruck habe, dass du nicht wirklich auf mein Argument eingegangen bist. Die Beiträge zuvor habe ich scheinbar umsonst geschrieben. Du hast dir fast immer einen Satz, einen Halbsatz herausgepickt und hast selbst manchmal noch an diesem Halbsatz vorbei geschrieben. Du gehst fast nie auf die Argumente ein. (siehe oben)

Beste Grüße,
Spirit

Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 28.10.2009 11:23 von Silver.

20.10.2009 06:34
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