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In welcher Gesellschaft leben wir heute?
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Neuling
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In welcher Gesellschaft leben wir heute?



Die Frage, die mir schon seit längerem durch den Kopf geistert ist: In was für einer Gesellschaft wir heute eigentlich leben?
Ich bin im 4. Semester meines Soziologiestudiums und stecke irgendwie in diesem ganzen Gewirre von Theorien fest!Viele scheinen recht plausibel zu sein, meist überholt, doch trotzdem kann man oft Spuren darin in der jetzigen Gesellschft finden.

Klar die "Wissensgesellschaft" ist ganz groß im kommen..doch was soll das genau heißen?Dreht sich irgendwann unser Handeln nur noch um Wissen..das wäre ja wohl etwas zu einfach...wie ist es ganau?

Dann das nächste Problem..mir leuchten die meisten Theorien ein, doch was soll ich letztendlich damit machen?Was habe ich davon, wenn ich weiß, wie eine Gesellschaft funktioniert?Klar für mein eigenes Verständnis von der Welt kann es hilfreich sein, doch das ist doch nicht das Ziel der Soziologie,oder?
Glaubt ihr, dass die Soziologie heute noch so großen Einfluss hätte etwas an der Realität zu verändern?Oder spielen andere Faktoren da eine weitaus größere Rolle?

Freue mich über Antworten!

02.03.2009 22:11
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Marcel
Neuling
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RE: In welcher Gesellschaft leben wir heute?

Hallo!

Da ich erst im Herbst Soziologie studiere und nur im LK Soziologie hatte, wage ich dennoch eine grobe (!) Antwort.

Diese Frage kann natürlich aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen beantwortet werden, wobei die Soziologie den primären Vorrang haben sollte. Die Soziologie befasst sich vor allem mit den sozialen Wirkungsmechanismen und versucht zu erklären, wie z. B. Großgruppen zustande kommen. Sie analysiert die strukturellen Rahmenbedingungen der Gesellschaft und interpretiert diese in erster Linie wertefrei (die Wertediskussion sei hier erst einmal außen vor gestellt). Diese neutrale Gesellschaftsbetrachtung im derzeitigen Ist-Zustand ermöglicht eine weiterführende Diskussion über Kausalitäten und Veränderungsmöglichkeiten.

Der grobe Wandel seit der Industrialisierung von der Klassengesellschaft, zur Schichtengesellschaft mündet, durch die Individualisierungstheorie von Ulrich Beck, in den heute allgm. anerkannten (Sinus-)Milieus. Die Sozialstruktur Deutschland lässt sich also derzeit mit dem soziologischen Begriff der Milieus definieren.

Die dabei zu stellende Frage ist, wie wirken sich die sozialstrukturellen Bedingungen auf die Lebensweisen und Gruppenkonstellationen aus. Die Klassengesellschaft wurde im Groben bei Karl Heinrich Marx durch den Produktionsmittelbesitz (Bourgeoise) und dem Nichtbesitz von Produktionsmittel (Proletariat) begründet. Beide Klassen hatten ihre typischen Lebensweisen, sodass die sozioökonomische Zugehörigkeit darüber entschied, wie man lebte. Dies wandelte sich durch die „Ausdifferenzierung“ in den Berufsklassen dahingehend, dass Facharbeiter, oder leitende Angestellte, die nunmehr viel mehr als früher verdienten, wie z. B. der Manager i. S. eines kleinen Firmenchefs (Produktionsmittelbesitzer) und somit konnte er nicht mehr dem reinen Proletariat zugeordnet werden. Die Pluralität von divers. Berufsgruppen und Einkommensverhältnissen entsprach nicht mehr dem Klassenverständnis, wodurch sich der Klassenbegriff zum Schichtenbegriff, mit seinen 4 Dimensionen von Macht, Einkommen, Prestige und Bildung wandelte; wobei das Prestige stark von der Arbeit abhing, Bildung nur im marktverwertbaren Sinne zu verstehen war (i. S. v. „ökonomisches Humankapital“) und das Einkommen immer noch das Kardinalmerkmal darstellte.

Hierbei möchte ich jedoch starke Kritik üben, da die Schichtengesellschaft keine wirkliche sozialstrukturelle Einteilung ist und das Zustandekommen von Großgruppen mit eindeutigen Lebensweisen NICHT klar begründet. Denn wenn die unterschiedlichsten Einkommensgruppen mit den unterschiedlichsten Bildungsgraden und den unterschiedlichsten Machtverhältnissen kombiniert werden und das Ergebnis Scoring-mäßig über die VERTIAKLE (!) Platzierung entscheidet, somit ergibt sich eine Vielzahl von Möglichkeiten, die eine sinnvolle Begründung von Großgruppeneinteilung nicht mehr rechtfertigt. Während im „sozialen Raum“ (Bourdieu) die Einteilung mit den zwei Merkmalen Kapital und Bildung noch Sinn ergibt, ist bei 4 oder mehr Dimensionen eine sinnvolle Platzierung zur Erklärung von Großgruppenbildung nicht mehr einleuchtend; vernünftig.

Die Schichtengesellschaft, deren primäre Signifikanz durch das Erwerbseinkommen besteht, ist für mich eine reine Einkommensstatistik und keine echte sozialstrukturelle Theorie für die Bildung von Großgruppen. Wenn ich das Einkommen von Menschen empirisch erfassen würde, was sagt das über die Lebensweise aus? Erst einmal genauso viel, wie wenn ich die Schuhgröße von jenen erfasse.

Was entscheidet also über das Zustandekommen von Großgruppen und deren Lebensweise? Das Geld doch nicht, das Geld soll darüber entscheiden, wie ich lebe? Ich meine Stefan Hradil sollte einmal solch eine verrückte These aufgestellt haben, die nur auf dem zweiten Blick Stimmigkeit besitzt, aber nicht primär! Wenn ich Geld in der Tasche habe entscheidet das Geld, ob ich Tokio Hotel oder Tschaikowsky höre (*schmunzel*).

Nun, heute entscheidet wesentlich die MENTALITÄT (!) darüber, mit wem ich etwas zu tun haben will und nicht. Die Mentalität, die „psych. Dispositionen“ etc. und damit verbundenen Werten ergeben das entscheidende, primäre (!) Charakteristikum, wonach sich Menschen in der unsrigen Gesellschaft zusammenschließen. Z. B. wandelte sich durch die Individualisierung und die Ausführungen der 1968 Jahre (u. a. die Änderung im Familienrecht 1977) etc. p. p. …. die Versorgerehe zur Liebesehe (Säkularisierung, Verlust des religiösen Sünderstatus etc.). Die Mentalität entscheidet darüber welche Person ich als Freund, Lebenspartner etc. akzeptiere bzw. mich denen anschließe. Wenn jmd. rechtsradikal ist, dann kann er Millionen auf dem Konto haben, mit dem möchte ich nix zu tun haben.

Die Mentalität ist der Ausdruck des Subjektes in Form von seiner alltäglichen Wahl, ob im Kauf von best. Konsumartikel, im Einrichten der Wohnung, allgm. Lebensstil, oder im Stil welche Literatur, Kunst und Musik „konsumiert“ wird. Die Mentalität entscheiden ebenso darüber in welcher QUALITÄT dies erfolgt, ob jmd. zum Saufurlaub nach Mallorca fliegt, oder Bildungsurlaub in Florenz tätigt. Man siehe sich also die Mentalität eines Menschen an, denn diese erlaubt eine Aussage über den Grad der Wahrscheinlichkeit über seine soziale Herkunft und möglichen Form von Selbstverwirklichung. Ob er „nur“ Bildzeitung liest, oder ob er ernsthaft einem sinnvollen Studium nachgeht sagt etwas über seine Mentalität aus.

Und woher kommt diese Mentalität etc.? Hier möchte ich nur das Stichwort „Habitustheorie“ von Pierre Félix Bourdieu erwähnen, um eine starke und nur sehr schwer widerlegbare Begründung zu liefern; denn Recht hat er! Wesentliche Faktoren finden wir also in der Primärsozialisation. Aber auch in der Formung des „Gesellschaftscharakters“ wie Erich Fromm diesen beschreibt („Haben oder Sein“) ist eine nicht zu verachtende Begründung. Weitere psychologische und pädagogische Theorie wie z. B. von J. Piaget etc. müssten für eine Gesamtbetrachtung herangezogen werden.

Und wer verbindet die Mentalität und Individualisierung zu einer sozialstrukturellen Theorie von „heute“? Gerhard Schulze mit seiner „Erlebnisgesellschaft“, die als KULTURSOZIOLOGIE gilt.

Die Menschen in den jeweiligen (Sinus-)Milieus bzw. nach Gerhard Schulze distanzieren sich durch die horizontale Distinktion; hier ist ein wesentlicher Unterschied zur vertikalen Machtdistiktion von Bourdieu! Die Skalierung der Sinus-Milieus und ihren Dimensionen sind ja bekannt, wie z. B. eben auch das Alter. Das Alter wird von kaum einem Soziologen miteinbezogen, wie bei G. Schulze!

Das „schöne Leben“ (G. Schulze) gilt nach der Säkularisierung und dem „Fahrstuhleffekt“ (U. Beck) als irdisches Projekt der menschlichen „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Dieser oft als „Konsumgesellschaft“ deklarierter Ansatz bleib jedoch nach wie vor dem Punkt der Bezahlbarkeit (Paul Nolte) und der Marktabhängigkeit (U. Beck) unterlegen, womit im Bereich der „sozialen Ungleichheit“ (soziale Exklusion gemäß Heinz Bude) entsprechende Missstände hervortreten; u. a. auch staatl. institutionell als „strukturelle Rücksichtslosigkeit“ begriffen. Hierbei sei aber kurz erwähnt, dass ich ein „Prekariat“ als eigenständiges Milieu nicht für sinnvoll halte. Es gibt nur „prekäre Lebenslagen“. Wenn z. B. jmd. aus Milieu A23 und C12 temporal arbeitslos werden, kann doch nicht ernsthaft angenommen werden, dass diese ein eigenständiges Milieu mit expliziten Wertesystem, Lebensweise etc. entwickeln. Sie werden mentalitätsmäßig nach wie vor ihren „Ursprungsmilieus“ gerecht. Das Geld, z. B. ALG II, entscheiden zwar über die Intensität der subjektiven Verwirklichung der eigenen Gestaltungs-/Ausdrucksmöglichkeit, aber bestimmt nicht WIE diese aussieht. Aus diesem Grunde kann ich einem „Prekariat“ aus soziologischen Definitionsgebrauch nicht zustimmen, dies ist keine eigenständige Form der Großgruppenbildung – sondern reine ökonomische Statistik!

Im Allgemeinen sollte in der Soziologie darauf geachtet werden, wo Statistiken und wo lebens- bzw. mentalitätsprägende Bereiche begründet anfangen und enden!

Sehe ich mich einfach in der Gesellschaft vernunftorientiert um, so hat G. Schulze absolut Recht – die Menschen konsumieren (gemäß ihrer "Erlebnisrationalität" ~ ihrer Mentalität) und bringen somit ihr Subjekt zum Ausdruck. Doch dass sie heillos geblendet sind machten nicht zuletzt die humanistischen, antiindustriellen/-kapitalistischen Kritiken von Meister Eckhart, Marx, Fromm, Freud, Ingelhardt etc. deutlich. Diese illusionäre Lebensgestaltung möchte ich gar nicht weiter hier ansprechen, denn dieses stark werte- und qualitätsbegründete Thematik gebietet ein extra Forum!



Für mich steht zzt. fest, die dt. Gesellschaft ist sozialstrukturell in Milieus eingeteilt, orientiert sich in Bezug auf die Großgruppeneinteilung primär nach der Mentalität und erst sekundär (!) nach den „ökonomischen Kapital“. Man kann zu Recht die Schlagworte „Erlebnis-/Konsumgesellschaft“ verwenden. Die grundlegenden Soziologen Bourdieu, Fromm, Beck, Schulze liefern für mich eine gültige derzeitige Begründung der heutigen Gesellschaftsform.

Da Gesellschaft, soziale Interaktion, Leben etc. ein gestalterischer Prozess ist, ist es also wichtig für Soziologen & Co. ihre Theorien etc. stets reflexiv-vernünftig und im Dialog zueinander „anzupassen“. Wobei für mich die Wertediskussion für die vorherrschende Gesellschaftsmentalität einen wesentlichen Stellenwert besitzt.

Im "Beraterteam" der Bundesregierung zum letzten Familienbericht wirkte u. a. der berliner Soziologe Hans Bertram mit, also... ja... Soziologen werden gebraucht... Tongue

Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.04.2009 11:48 von Marcel.

08.04.2009 15:45
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