Gesetze in der Soziologie?
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Gesetze in der Soziologie?
In vielen Wissenschaften, vor allem Naturwissenschaften, gibt es viele Gesetze. Welche Gesetze gibt es in der Soziologie?
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| 04.09.2007 23:42 |
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Autopoiet
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RE: Gesetze in der Soziologie?
Ich finde die überzeugendsten Gesetze bietet für mich bisher die Systemtheorie. Das Luhmann den Begriff der Autopoiesis von Maturana übernommen hat, war ein wichtiger Schritt in der Soziologie. Also im Prinzip stammt das Gesetz ja von den Naturwissenschaften, sprich der Biologie bzw. Neurobiologie.
Systeme erhalten und reproduzieren sich selbst - aus ihren eigenen Elementen. So einfach wie kompliziert.
Es ist allerdings schwer, allgemein gültige oder besser: allgemein anerkannte Gesetze für die Soziologie zu nennen - überall regnet es Kritik.
Auch die Annahme, dass Gesellschaften sich Ausdifferenzieren, bzw. Systeme in neue Systeme zerfallen halte ich für plausibel und ist überall beobachbar.
Sehr interessant finde ich desweiteren die Gesetzmäßigkeiten, denen eine Interaktion unterliegt. Wenn man darauf achtet kann man am eigenen Verhalten beobachten, wie sehr man sich in jedem Gespräch an unausgesprochenen "Gesetzen" orientiert. Das Themenfeld der Erwartungsnetzwerken, oder Erwartungserwartungen - wie immer man das formulieren will - denen man permanent ausgesetzt ist, finde ich persönlich sehr faszinierend.
Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 05.09.2007 00:37 von Autopoiet.
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| 05.09.2007 00:35 |
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Plapp
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RE: Gesetze in der Soziologie?
generell kann die Soziologie keine Gesetzmäßigkeiten im Sinne naturwissenschaftlicher Gesetze (z.B., wenn A, dann B) bzw. "Allsätze" bieten. Sie ist insofern keine absolut nomothetische Wissenschaft. Was sie liefern kann, sind jedoch Wahrscheinlichkeitsaussagen über die Wirklichkeit (wenn A, dann insgesamt eher B/wahrscheinlicher B), die ja -eingeschränkt- auch als Gesetzmäßigkeiten gesehen werden können.
Innerhalb bestimmter Theorien gibt es jedoch sowas wie Gesetze im Sinne von bestimmten Deutungsweisen und Mustern die auf den Gegenstandsbereich angewendet werden können sollen. Der Trennschärfe würde ich solche "Gesetze" jedoch lieber Aussagen, (Grund-)Annahmen oder Theoreme nennen.
Noch ein kleines, sehr bekanntes Beispiel: das Thomas-Theorem, das auch self-fulfilling prophecies formuliert: "If people define situations as real, they are real in their consequencies"
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| 05.09.2007 18:22 |
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Autopoiet
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RE: Gesetze in der Soziologie?
Der Trennschärfe würde ich solche "Gesetze" jedoch lieber Aussagen, (Grund-)Annahmen oder Theoreme nennen.
da geb ich dir Recht, Gesetze sind das in der Systemtheorie nicht. Die fehlende Empirie und die Selbstreferenz der Grundannahmen ist ja auch nicht zuletzt ein Kritikpunkt vieler Gegner der Systemtheorie.
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| 06.09.2007 17:06 |
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jermy
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RE: Gesetze in der Soziologie?
Und wenn man sich mal mit Popper auseinandersetzen durfte, wird klar, dass es so etwas wie allgemeingültige Gesetze gar nicht gibt
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| 11.09.2007 16:37 |
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Dominik
Unregistered
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RE: Gesetze in der Soziologie?
Zunächst erscheint es mir sinnvoll zwischen Hypothese und Gesetz genau zu unterscheiden. Eine Hypothese zeichnet sich dadurch aus, dass sie (1) vorläufig als wahr akzeptiert wird, (2) überprüfbar und somit (3) korrigierbar ist. Weiters ist zu beachten, dass es unterschiedliche Formen von Hypothesen gibt, z. B. Hypothesen die uneingeschränkt gültig sind oder solche die nur einen eingegrenzten Gültigkeitsbereich aufweisen etc.
Legt man die Wissenschaftstheorie Poppers zu Grunde, kann man von einem Gesetz nur dann sprechen, wenn eine Hypothese viele und harte Tests und Prüfungen überstanden hat und noch nicht widerlegt wurde (Hier stellt sich natürlich die Frage ab wann eine Hypothese zu einem Gesetz wird – auch Poppers raffinierter Falsifikationismus birgt zahlreiche Probleme). Außerdem bilden Gesetze den harten Kern von Theorien und sind deshalb Grundlage für die Ableitung von überprüfbaren Hypothesen. Es gibt auch verschiedene Arten von Gesetzen (z. B. universell gültige Gesetze, eingeschrägt gültige Gesetze etc).
Um im Rahmen der soziologischen Forschung von Gesetzen sprechen zu können, erscheint es mir wichtig, zu klären, wo – also in welchem Bereich – so etwas wie gesetzesartige Aussagen überhaupt möglich sein könnten. Hier bietet sich eine traditionelle Gliederung der Soziologie an: Mikro-Soziologie, Meso-Soziologie und Makro-Soziologie. Im Bereich der Makro-Soziologie wird vor allem mit statistischen Hypothesen gearbeitet (z. B. Korrelationen, Regressionen etc.). Also hier kann von Gesetzen nicht die Rede sein, da z. B. Korrelationen nichts über Kausalität aussagen. Weiters arbeitet die Makro-Soziologie in vielen Fällen mit aggregierten Daten. Da das Konstrukt „Gesellschaft“ ein dynamisches ist und sich in jeder Minute ändert sind kausale Zusammenhänge in diesem Bereich meines Erachtens nicht denkbar. Ähnliche Probleme ergeben sich – so denke ich – auch bei der Meso-Soziologie.
Auf der Ebene des individuellen und sozialen Handelns versuchen seit langem Forscher Gesetze zu formulieren. Dies bezeugt die Vielzahl an unterschiedlichen Ansätzen in der Soziologie aber auch Psychologie: Rational-Choice-Theorien, Tauschtheorien, Spieltheorie, etc. Da im Rahmen dieser Theorien niemals alle handlungsbestimmenden Faktoren berücksichtigt werden können, sind auch hier Vorraussagen – und somit Gesetze in einer starken Schreibweise – nicht möglich. Wie bereits oben erwähnt können hier im besten Falle probabilistische Zusammenhänge angestellt werden. Will man den Erkenntnissen der Neurowissenschaft Glauben schenken, bleibt es auf der Mikroebene „spannend“! Da diese Wissenschaft grundsätzlich von einem Determinismus des Verhaltens ausgeht, und sich dieser wie es scheint auch bestätigt, könnten in Zukunft soziologische Handlungstheorien erweitert und verbessert werden, sofern die Soziologie bereit ist diese Erkenntnisse in ihr Theoriegebäude zu integrieren.
Prinzipiell erscheint mir der Begriff „Gesetz“ für das Forschungsgebiet der Soziologie nicht brauchbar, auch um Missverständnisse in der breiten Öffentlichkeit zu vermeiden.
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| 12.09.2007 16:02 |
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Autopoiet
Moderator
    
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RE: Gesetze in der Soziologie?
Man muss natürlich auch differenzieren, ob man über Gesetze in der Soziologie, als Theorien etc., oder über Gesetze in der Gesellschaft redet. Denn in der Gesellschaft mann man durchaus Gesetze erkennen, jede hat z.B. immerhin ihr eigenes Rechtssystem. Nun mag das auf den ersten Blick natürlich naiv klingen, aber aus der Perspektive des Individuums befindet man sich schon in einer Welt voller Gesetze. Sie lassen sich aufgrund ihrer Dynamik und Unbeständigkeit allerdings fast unmöglich in eine soziologische Theorie einbinden. Denn unser hübsches Rechtssystem basiert ja nicht auf "Naturrecht", sondern auf positivem Recht.
Und in diesem Zusammenhang ist dann von einem Soziologen zu klären, warum sich so viele Bürger nicht an das Recht halten und inwiefern dies eigentlich an der juristischen Sichtweise kratzt... Niklas Luhmann hat sich dazu als "Ex-Jurist" in Verbindung mit dem Normbegriff viele interessante Gedanken gemacht. Sind Gesetze/Normen noch Gesetze, wenn sie niemand beachtet, reicht ihre bloße Formulierung in einem Gesetzbuch? Wie lässt sich ein soziologischer Normbegriff formulieren?
Ihn führt dass dann unter anderem zu den normativ erwartbaren Erwartungen, die ich oben auch in anderem Kontext schon erwähnt hatte. Also eine Norm ist eine Norm, sofern man sich auf diese - in einem Enttäuschungsfall - berufen kann und seine Erwartungen nicht ändern muss. (Dies ist im Falle kognitiver Erwartungen anders: solche muss man im Falle einer Enttäuschung aktualisieren)
Aber da sind wir dann eher bei Normen als bei Gesetzen... wobei das beides natürlich sehr schwammige und abgenutzte Begriffe sind und die Trennlinie kaum zu ziehen ist.
Und zu Kausalität: Diese ist mit dem Kontingenzbegriff gestorben und das ist auch gut so. Hoffen wir, dass die Neurowissenschaften die Kausalität nicht mit Erfolg reanimieren. Meiner Meinung nach wäre dies eine falsche/bedenkliche Entwicklung
Wobei wir bei der guten alten Diskussion wären: Ist es sinnvoll, einen determinierten, komplett von Gesetzen bestimmten Menschen anzunehmen, oder einen freien Willen?
Ich finde, der "Mensch" (oder sein soziales/psychisches System) sollte als nicht-triviales sytem erkannt werden, dessen Input einen Beobachter nichts über einen genauen Output sagen lässt.
Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 12.09.2007 19:06 von Autopoiet.
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| 12.09.2007 19:02 |
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Gast
Unregistered
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RE: Gesetze in der Soziologie?
Wie mir scheint haben wir aneinander vorbeigeredet, ich meinte natürlich „Gesetz“ im wissenschaftstheoretischen Sinne und ob die Soziologie in der Lage ist Gesetze zu formulieren. Ich gebe dir Recht: Gesetze (im Sinne des Rechts) und Normen sind interessante „Untersuchungsobjekte“ (soziale Tatsachen) für uns Soziologen.
Zu Kausalität und Kontingenz: Wie der Begriff Kontingenz andeutet ist die Sicht auf die Welt individuell und relativ. Dieses Postulat gilt aber dann auch für das Konzept der Kontingenz selbst. Auch diese Sichtweise kann dann nicht absolut gesetzt werden und Kausalität aus dem wissenschaftlichen Diskurs verbannen.
Außerdem wird es der Naturwissenschaft schwer fallen den Kausalitätsbegriff aufzugeben, Naturgesetze bauen ja darauf auf.
Zur Neurowissenschaft: Neurowissenschaftler kommen nicht umhin, menschliches Verhalten als determiniert zu bezeichnen, da unser gesamtes Verhalten durch das Nervensystem gesteuert wird und dieses auf physikalischen und chemischen Prozessen beruht.
Ich bin auch der Meinung, dass der Mensch ein nicht-triviales System ist, da das menschliche Nervensystem aufgrund der hohen Komplexität emergente Phänomene (so hat es glaub ich auch Luhmann gesagt), wie z. B. Bewusstsein, Ich-Gefühl, Intentionalität etc. hervorbringt, die uns aus der Ersten-Person-Perspektive qualitativ ganz anders erscheinen als die zugrunde liegenden neuronalen Prozesse (Qualia-Problem). Es wird jedoch angenommen, dass diese mentalen Phänomene prinzipiell durch neuronale Prozesse erklärt werden können. Es wird nicht so schnell möglich sein menschliches Verhalten vorauszusagen, da die Komplexität des Gehirns nicht erfassbar ist. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Verhalten durch unser Nervensystem determiniert ist.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Ergebnisse der Neurowissenschaft können meines Erachtens Anregungen für die Erweiterung und Verbesserung von soziologischen Handlungstheorien bieten. Ein Beispiel wären z. B. die Emotionen. Durch die Neurowissenschaft sind wir in der Lage nachzuvollziehen, wie und in welchem Ausmaß uns Emotionen in unserem Verhalten/Handeln beeinflussen.
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| 13.09.2007 01:12 |
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