Hallo Florian,
dein Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber vielleicht schlägt sich ja jemand anders mit ähnlichen Fragen herum.
Erstmal allgmein zur Sekundärliteratur zu Schütz. Sekundärliteratur ist zwar immer problematisch, aber bei Schütz wäre ich sehr vorsichtig, da die Interpretationen ziemlich weit auseinandergehen können oder der eine vom anderen (falsch) abschreibt. Uneingeschränkt zu empfehlen ist das kleine UVK-Bändchen von Martin Endreß für einen kurzen Überblick und die einleitenden Bemerkungen der jeweiligen Bände der Alfred Schütz Werkausgabe (noch nicht alle Bände erschienen).
Und nun zu den Fragen:
zu 1) ein uneingeschränktes Ja - entscheidend ist jedoch wie er sich unterscheidet, denn es gibt eine Menge Sozialtheorien die sich von "analytischen-empiristischen" Ansätzen unterscheiden.
zu 2) Transzendenz: dies ist im Grunde ein eher philosophischer Begriff, der auch bei Schütz nichts anderes ausdrückt, als dass das hier und jetzt des erfahrenden Subjekts überschritten wird. Schütz hat eine soziale Transzendenztheorie, in der er 3 bis 4 unterschiedliche Formen unterscheidet. Nachzulesen bei Endreß (s.o.) oder in einem dafür vorgesehenen Kapitel im Nachlasswerk "Strukturen der Lebenswelt" (Schütz/Luckmann). Die Transzendenztheorie von Schütz ist jedoch komplexer als sie zunächst scheint, denn sie ist - wie die meisten Theorieelemente des späten Schütz - stark mit den restlichen Elementen verwoben. Beispielsweise mit der Intersubjektivitätstheorie, der Appräsentationstheorie und der darauf afbauenden Zeichen- und Sprachtheorie von Schütz.
Motive: dies ist schon eher ein soziologischer Begriff, der auf die Handlungs- und Relevanztheorie von Schütz verweist. So in Kürze kann ich dieses Theorieelement jedoch nicht erklären. Dafür ist die Frage zu allgemein gefasst.
zu 3) Pragmatisch ja, aber was du mit interdisziplinär meinst weiß ich jetzt leider nicht. Zum Wissenschaftsbegriff von Schütz ließe sich in Kürze sagen, dass Schütz mit einem nicht-objektivistischen, man würde heute vielleicht sagen, eher konstruktivistischen Wissenschaftsbegriff operiert. D.h. dass dem wissenschaftlichen Wissen keine Objektivität zugesprochen werden kann. Jedes Wissen, ob wissenschaftlich oder nicht, wird in einer Lebenswelt generiert, von Menschen, die primär Alltagsmenschen sind. Dass dieses Wissen unter anderen Umständen generiert wird und einer anderen sog. Sinnsphäre angehört, ändert nichts an der Tatsache, dass es intersubjektiv "konstruiert" und nicht den "Tatsachen" objektiv abgerungen wird. Hierzu findet man einige Aufsätze in der ASW.
zu 4) Ja, aber es lässt sich beobachten, dass er sich im Spätwerk immer mehr von der Transzendentalphänomenologie Husserls ablöst. Hierzu findest du u.a. auch etwas bei Endreß.
Hoffe konnte etwas aushelfen.
Viele Grüße,
Albert