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Ein paar Fragen zu Alfred Schütz
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Floundso
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Beitrag: #1
Ein paar Fragen zu Alfred Schütz

Hallo, in meiner Verzweiflung wende ich mich mal an dieses Forum - in der Hoffnung, dass man hier vielleicht einen guten Lektüretipp oder ähnliches erhalten kann.

Ich bin eigentlich Student der Medienwissenschaften und habe in einem Seminar über Wissenschaftstheorie die Aufgabe bekommen, den Wissenschaftsbegriff im Gesamtwerk Alfred Schütz zu beschreiben. Vor mir liegen etwa zehn Bücher, darunter die UVK-Neuauflage des "Sinnhaften Aufbaus" und einiges mehr.

Allerdings steige ich momentan überhaupt nicht mehr durch - Brett vorm Kopf - bei all diesen Dingen, die da in der Primär- und den Sekundärliteratur stehen. Deshalb ein paar Fragen:

-Ist es richtig, dass Schütz sich mit seinem phänomenologischen Ansatz von positivistischen Schulen (etwa der Wiener Kreis) unterscheidet?
-Diese ganzen Sachen mit Transzendenz und Motiven: Gibt es da vergleichbare Arbeiten? Sind das zentrale Begriffe der Soziologie, oder ist das eine spezielle Schütz-Eigenheit?
-Ist es zulässig und akzeptabel, von einem pragmatisch-interdisziplinärern Wissenschaftsbegriff zu sprechen? Schütz lässt ja Einflüsse aus Husserls Phänomenologie, Max Webers verstehender Soziologie und von Mises ökonomischer Schule in den Sinnhaften aufbau einfließen.
-Ist es zulässig und akzeptabel, den "Sinnhaften Aufbau", Schütz' Erstlingswerk von 1932, als Grundlegung auch für seine weiteren Arbeiten zu bezeichnen und ihn so im Rahmen der Arbeit zu behandeln?

Für ein paar Antworten von sicherlich hier anzutreffenden Sachverständigen wäre ich dankbar.

Schönen Gruß,
Florian
Posted 3 seconds ago #

31.08.2010 20:27
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Albert Riedinger
Unregistered


Beitrag: #2
RE: Ein paar Fragen zu Alfred Schütz

Hallo Florian,

dein Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber vielleicht schlägt sich ja jemand anders mit ähnlichen Fragen herum.

Erstmal allgmein zur Sekundärliteratur zu Schütz. Sekundärliteratur ist zwar immer problematisch, aber bei Schütz wäre ich sehr vorsichtig, da die Interpretationen ziemlich weit auseinandergehen können oder der eine vom anderen (falsch) abschreibt. Uneingeschränkt zu empfehlen ist das kleine UVK-Bändchen von Martin Endreß für einen kurzen Überblick und die einleitenden Bemerkungen der jeweiligen Bände der Alfred Schütz Werkausgabe (noch nicht alle Bände erschienen).

Und nun zu den Fragen:

zu 1) ein uneingeschränktes Ja - entscheidend ist jedoch wie er sich unterscheidet, denn es gibt eine Menge Sozialtheorien die sich von "analytischen-empiristischen" Ansätzen unterscheiden.

zu 2) Transzendenz: dies ist im Grunde ein eher philosophischer Begriff, der auch bei Schütz nichts anderes ausdrückt, als dass das hier und jetzt des erfahrenden Subjekts überschritten wird. Schütz hat eine soziale Transzendenztheorie, in der er 3 bis 4 unterschiedliche Formen unterscheidet. Nachzulesen bei Endreß (s.o.) oder in einem dafür vorgesehenen Kapitel im Nachlasswerk "Strukturen der Lebenswelt" (Schütz/Luckmann). Die Transzendenztheorie von Schütz ist jedoch komplexer als sie zunächst scheint, denn sie ist - wie die meisten Theorieelemente des späten Schütz - stark mit den restlichen Elementen verwoben. Beispielsweise mit der Intersubjektivitätstheorie, der Appräsentationstheorie und der darauf afbauenden Zeichen- und Sprachtheorie von Schütz.
Motive: dies ist schon eher ein soziologischer Begriff, der auf die Handlungs- und Relevanztheorie von Schütz verweist. So in Kürze kann ich dieses Theorieelement jedoch nicht erklären. Dafür ist die Frage zu allgemein gefasst.

zu 3) Pragmatisch ja, aber was du mit interdisziplinär meinst weiß ich jetzt leider nicht. Zum Wissenschaftsbegriff von Schütz ließe sich in Kürze sagen, dass Schütz mit einem nicht-objektivistischen, man würde heute vielleicht sagen, eher konstruktivistischen Wissenschaftsbegriff operiert. D.h. dass dem wissenschaftlichen Wissen keine Objektivität zugesprochen werden kann. Jedes Wissen, ob wissenschaftlich oder nicht, wird in einer Lebenswelt generiert, von Menschen, die primär Alltagsmenschen sind. Dass dieses Wissen unter anderen Umständen generiert wird und einer anderen sog. Sinnsphäre angehört, ändert nichts an der Tatsache, dass es intersubjektiv "konstruiert" und nicht den "Tatsachen" objektiv abgerungen wird. Hierzu findet man einige Aufsätze in der ASW.

zu 4) Ja, aber es lässt sich beobachten, dass er sich im Spätwerk immer mehr von der Transzendentalphänomenologie Husserls ablöst. Hierzu findest du u.a. auch etwas bei Endreß.

Hoffe konnte etwas aushelfen.

Viele Grüße,
Albert

18.03.2011 14:10
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